Junge Flüchtlinge in Not

21. Mai 2001, 08:54
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Was minderjährige Flüchtlinge erwartet, wenn sie allein in Österreich landen

Wien - Nicht einmal Seife gibt es: Immer mehr jugendliche Asylwerber müssen unter solchen Bedingungen in Notquartieren des Bundes immer länger ausharren. Der Grund dafür: Die Bundesasylämter kommen mit der momentanen Welle von Anträgen nicht mit. Termine für Interviews, die nicht nur entscheidend für eine Aufnahme in bessere Bundesbetreuung, sondern auch für Asylbescheide in erster Instanz sind, müssen bereits auf September verschoben werden.

Nur in Wien besteht beim Amt für Jugend und Familie ein Kompetenzzentrum für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Heuer haben Gerhard Wallner, Astrid Kellner und acht weitere Mitarbeiter bereits mehr als 350 Kinder und Jugendliche dazubekommen. Im gesamten Vorjahr übernahmen sie die gesetzliche Vertretung von 533 minderjährigen Flüchtlingen - hauptsächlich aus Afghanistan, Nigeria und Sierra Leone.

Die Helfer von MAG ELF (Magistratsabteilung 11, Jugendamt) begleiten ihre Klienten unter anderem zu den Einvernahmen im Bundes asylamt. Und dort kommt es mitunter zu unterschiedlichen Rechtsauffassungen. "Wenn uns zum Beispiel trotz gegenteiliger Bestimmung Fragerecht und Parteienstellung abgesprochen werden", berichtet Astrid Kellner im STANDARD-Gespräch. "Oder wenn angezweifelt wird, dass unsere Klienten minderjährig sind."

Tatsächlich gebe es oft keine Beweise dafür, weil viele Flüchtlinge ohne Papiere unterwegs seien oder diese von Schleppern abgenommen würden. Letztendlich entscheidet der zuständige Referent im Bundesasylamt.

Wolfgang Taucher, der Leiter des Bundesasylamtes, betonte zuletzt im STANDARD-Gespräch, dass man keineswegs leichtfertig mit Altersbestimmungen umgehe. Das berüchtigte Zahn- oder Handwurzelröngten, wie es bis vor kurzem von der Strafjustiz zur Altersbestimmung zugelassen war, wird in Asylfragen allgemein abgelehnt. Wallner fordert "Clearingverfahren", in denen umstrittene Ausnahmefälle unter anderem von Sozialpädagogen und Psychologen beurteilt werden.

"Ein Riesenproblem" sei die häufige Verlegung von jugendlichen Flüchtlingen, so Wallner. Hintergrund: Da Plätze in der Bundesbetreuung begrenzt sind, werden Jugendliche immer dorthin gebracht, wo es gerade freie Unterkünfte gibt. Betroffene müssen etwa von einem Tag auf den anderen von Wien nach St. Johann im Pongau übersiedeln. Damit wechselt aber auch die Zuständigkeit der Jugendbehörde.

Wallner: "Ein administrativer Wahnsinn, den sich die Republik da leistet." Und dann könne es vorkommen, dass unerfahrene Jugendämter es verabsäumten, gegen einen negativen Asylbescheid zu berufen.

Mit einem Minderjährigen, der vor dem Taliban-Terror geflüchtet war, ist dies zuletzt geschehen. Er sollte noch dazu gleich nach Afghanistan abschoben werden. Wie berichtet, hob das Innenministerium den Bescheid ausnahmsweise auf, das Verfahren beginnt von neuem. Wallner hat zwei "haargenau gleiche Fälle", in denen er nun auf dieselbe Entscheidung hofft.

"Kids-aid" will helfen

Über ihre berufliche Arbeit hinaus haben Astrid Kellner und Gerhard Wallner den Verein "Kids-aid" gegründet, der sich unter anderem um menschenwürdige Unterkünfte, Ausbildung, Sprachkurse und Freizeitaktivitäten für junge Flüchtlinge kümmert. Nur jeder zehnte darf in Österreich mit Asyl rechnen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. Mai 2001)

Von Michael Simoner

LINK: www.kidsaid.at

Kids-aid Spendenkonto: 03710055857 Bawag (Bankleitzahl 14000)

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