Armenien: Das Erbe des Kommunismus

26. Mai 2001, 19:19
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Ärzte ohne Grenzen berichten über die Lage

Umgeben von Georgien, der Türkei, dem Iran und Aserbaidschan hat die ehemalige Sowjetrepublik nicht nur mit innenpolitischen Problemen zu kämpfen. Ein heftiges Erdbeben in der Region von Leninakan (heute Gyumri) im Jahr 1988 und ein langjähriger Krieg mit Aserbaidschan um Berg Karabach 1990 bis 1995 haben die 3,5 Millionen zählende Bevölkerung nicht zu Atem kommen lassen.

Strenge Winter und trockene, heiße Sommer verschärfen die Situation der leidgeprüften Bevölkerung. Wegen der Dürre des letzten Sommers können viele Tiere nicht mehr gefüttert werden und müssen geschlachtet werden. Da diese Tiere die Lebensgrundlage der Menschen bilden, ist eine Hungersnot vorhersehbar.

Zugang zu medizinischer Versorgung ist sehr schwierig und oft mit langen Wegen durch eine schwer passierbare Landschaft verbunden. Frauen entbinden häufig zu Hause ohne die Hilfe einer Hebamme oder eines Arztes.

Dort, wo "medizinische Hilfe" angeboten wird, sind die Nachwirkungen des Kommunismus besonders stark spürbar. Es besteht eine große Tendenz zur Spezialisierung, und ein Mangel an praktischen Ärzten erlaubt kein Überweisungssystem wie in Österreich.

In den so genannten Instituten sind die Patienten unter menschenunwürdigen Verhältnissen einem nicht ausgebildeten Personal ausgeliefert und körperliche Züchtigung und Wegsperren sind als "Heilungsmethoden" an der Tagesordnung.

"Ärzte ohne Grenzen" startete eine Nothilfe-Aktion zur Unterstützung der Erdbebenopfer von Gyumri und ist seitdem im Dauereinsatz. Heute arbeitet "Ärzte ohne Grenzen" in fünf vorwiegend ländlichen Regionen des Landes an verschiedenen Projekten.

In der Kleinstadt Sevan laufen zum Beispiel mehrere Vorhaben: Rehabilitierung des Krankenhauses, Ausbildung von qualifiziertem Personal zur Patientenbetreuung und Medikamentenlieferungen. In der Provinzstadt Tavush, an der Grenze zu Aserbaidschan, sind 35.000 Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahre unsere Zielgruppe.

Unsere Projekte dort: Familienplanung, medizinische Betreuung während der Schwangerschaft, Geburtshilfe, Nachbetreuung und Ausbildung von lokalen Hebammen. Wir sind die einzige NGO, die in dieser Region arbeitet.

In der Hauptstadt Erewan betreuen und verpflegen wir Hunderte Straßenkinder. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. Mai 2001)

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