Washington tobt über Leck in Berlin

21. Mai 2001, 09:57
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Nach Veröffentlichung brisanter Details aus Gespräch Schröder-Bush: Hilfe für Russland soll gesperrt werden

Berlin - Eine Depesche aus Washington hat ungeahnte Folgen für die deutsche Außenpolitik: Am Wochenende wurden Details aus einem Gespräch von Bundeskanzler Gerhard Schröder mit Präsident George Bush in der US-Hauptstadt bekannt, die dazu angetan sind, nicht nur das deutsch-amerikanische Verhältnis zu schädigen, sondern auch noch die Beziehungen Berlins zu einer Reihe anderer Staaten.

Vor allem in Moskau dürften die Enthüllungen für Verärgerung sorgen, dass sich laut einem Bericht der deutschen Botschaft in Washington Bush und Schröder darüber verständigt haben, Russland keine Millionenhilfen zu gewähren, "solange ungeheure Summen ins Ausland geschafft würden". Bush und Schröder hätten dem vertraulichen Bericht zufolge Russlands Präsidenten Wladimir Putin für seine "fortlaufende Bewaffnung des Iran", kritisiert, zitierte Focus aus dem Schreiben.

Die US-Botschaft in Berlin habe das Auswärtige Amt um eine schnelle Klärung der Umstände gebeten, die zum Bekanntwerden eines geheimen Berichts aus der deutschen Botschaft in Washington geführt hätten, hieß es. In Berlin wird inzwischen nach einem Leck im Auswärtigen Amt gesucht.

Denn auch in Washington sorgt für Verstimmung, welche Details durch den Bericht bekannt geworden sind. So wird in dem Dossier festgestellt, dass sich US-Außenminister Colin Powell über Palästinenserpräsident Yassir Arafat abfällig geäußert hat. Er soll seiner Einschätzung nach jeden Bezug zur Realität verloren haben. Schröder habe zudem seine Gespräche in Syrien im vergangenen Herbst als "schrecklich" dargestellt und Jordaniens König Abdullah II. als "machtlosesten Führer" der Region bezeichnet. Auch habe Schröder über eine "militärische Stabilisierung" Israels informiert. Über den konkreten Beitrag Deutschlands gibt es allerdings keine detaillierten Informationen.

Bereits in der Vorwoche hatte ein Auszug aus dem Bericht für Aufregung gesorgt. Demnach hat Schröders außenpolitischer Berater Michael Steiner in Washington über sein Gespräch mit Libyens Revolutionsführer Muammar Gaddafi berichtet, bei dem dieser eine Beteiligung seines Landes "an terroristischen Aktionen (La Belle, Lockerbie)" eingestanden habe. Bei dem Anschlag auf die Berliner Diskothek La Belle waren 1986 drei Menschen getötet worden.

Steiner hat inzwischen dementiert. Auch aus Libyen kam ein Dementi zum angeblichen Eingeständnis. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. Mai 2001)

Von STANDARD-Korrespondentin Alexandra Föderl-Schmid aus Berlin
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