Polnischer Justizminister unterbricht Exhumierung von Pogrom-Opfern

20. Mai 2001, 16:47
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Fortsetzung erst nach Stellungnahme der jüdischen Gemeinde

Warschau - Der polnische Justizminister Lech Kaczynski hat die Exhumierung der Opfer des Pogroms in der ostpolnischen Kleinstadt Jedwabne unterbrochen. Bevor die Überreste der bis zu 1600 Opfer des fast 60 Jahre zurückliegenden Massakers exhumiert würden, wolle er eine Stellungnahme der jüdischen Gemeinde einholen, sagte Kaczynski am Sonntag im polnischen Rundfunksender "Radio Zet". Nach dem jüdischen Glaubensgesetz darf die Totenruhe durch keinerlei Eingriffe gestört werden.

Das Institut des Nationales Gedenkens (IPN), das für die Aufklärung nationalsozialistischer und stalinistischer Massenverbrechen zuständig ist, hatte die Exhumierung beantragt, um Informationen über die Anzahl der Opfer zu bekommen. Der Mord an der jüdischen Bevölkerung von Jedwabne im Juli 1940 war jahrzehntelang der deutschen Gestapo zugeschrieben worden.

Bericht im Herbst

Im vergangenen Jahr hatte der in den USA lebende Historiker Jan Tomasz Gross das Buch "Nachbarn" veröffentlicht, in dem er unter Berufung auf Augenzeugen berichtet, Einwohner von Jedwabne hätten das Verbrechen begangen. Die meisten der Opfer wurden bei lebendigem Leibe in einer Scheune verbrannt. Das IPN hat darauf die Ermittlungen aufgenommen.

Der abschließende Bericht wird nicht vor dem Herbst erwartet. Zum 60. Jahrestag des Pogroms will der Rat zum Schutz der Erinnerung an Kampf und Märtyrertum, der für die Pflege von Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus zuständig ist, an der Stelle des Massengrabes ein Denkmal errichten. Auch der seit Jahrzehnten zerstörte jüdische Friedhof von Jedwabne soll wieder ein würdiges Aussehen erhalten. (APA/dpa)

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