Stockholm: Konvention über "tickende Zeitbomben"

20. Mai 2001, 12:16
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Weltweites Verbot für einige chemische Giftstoffe

Bonn - Als tickende Zeitbomben lagern gefährliche chemische Giftstoffe rund um den Erdball. Besonders die ärmeren Entwicklungsländer stehen vor einem immensen Entsorgungsproblem dieser "lautlosen Killer", bei denen es vor allem um Pestizide von Chemiekonzernen aus den Industrieländern geht. Jahrelang hat die internationale Staatengemeinschaft darum gerungen, ein weltweites Verbot und eine Ächtung der für Mensch und Natur schlimmsten Schadstoffe zu erreichen. Nun ist ein Abkommen unter Dach und Fach.

Rund 120 Vertragsstaaten wollen die Konvention zum Abschluss einer Konferenz in Stockholm an diesem Mittwoch (23. Mai) feierlich unterzeichnen. Mit ihr werden Produktion und Anwendung von zwölf besonders gefährlichen und schwer abbaubaren organischen Schadstoffen (Persistant Organic Pollutants - kurz: POPs) verboten.

Dieses "dreckige Dutzend" - vor allem Pflanzenschutzmittel wie DDT, Aldrin oder Heptachlor sowie auch Dioxine, Furane und polychlorierte Biphenyle (PCB) - kann nach wissenschaftlichen Erkenntnissen auch in kleinen Dosen zu Krebs, Störungen des Immun- und Hormonsystems sowie zu schleichenden Umweltzerstörungen führen. Die Stoffe gelten als besonders heimtückisch, weil sie sich über die Nahrungskette anreichern und durch Wind und Wasser unsichtbar global verteilt werden können.

Auch die USA, die sonst eher als Umweltschutz-Bremser auftreten und sich unter der neuen Regierung von George W. Bush nicht gerade als Umweltfreunde präsentieren, sind bei der Unterzeichnung mit dabei. Deutschland war nach dem Urteil anderer Länder wie auch der federführenden Umweltbehörde der Vereinten Nationen (UNEP) eine treibende Kraft bei den Verhandlungen. Mindestens 50 Staaten müssen diesen Schritt tun, damit es völkerrechtlich bindend in Kraft tritt.

Die Stockholm-Konvention, auf die sich die Vertragsstaaten im Dezember 2000 in Johannesburg verständigten, gilt als Meilenstein auf dem Weg zu mehr internationaler Chemikalien-Sicherheit und einem koordinierten Management. Dabei geht es nicht um die Bewältigung einer greifbaren oder unfallartigen Katastrophe, sondern um Stoffe, die dauerhaft und langfristig Mensch sowie Wasser und Boden schädigen. Nach einer Studie der Welternährungsorganisation FAO bedrohen mehr als eine halbe Million Tonnen Altbestände (meist abgelaufene, verdorbene und schlecht verpackte Pestizide) die Gesundheit von Millionen Menschen in fast allen Entwicklungsländern.

In der EU sowie in den meisten anderen Industriestaaten sind die betreffenden Pflanzenschutzmittel längst verboten. Für andere Stoffe wie Dioxine oder PCB gelten scharfe Bestimmungen. In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern (insbesondere in China, Indien und Mexiko) werden solche Chemiegifte aber noch immer hergestellt und auch eingesetzt. Und in rund zwei Dutzend Ländern wird DDT auch noch im Kampf gegen die Malaria übertragende Anopheles-Mücken eingesetzt, was zu Ausnahmeregelungen vom Verbot führte.

Pflicht der Entsorgung Durch die Konvention werden auch die Industriestaaten in die Pflicht genommen, den Entwicklungsländern finanzielle und technische Hilfe zu leisten. Um sie umzusetzen, seien viele Jahre und auch viel Geld nötig, warnt Ulrich Schlottmann vom Bundesumweltministerium. UNEP-Abteilungsdirektor Jim Willis beziffert allein die Kosten der Entsorgung auf mehrere Milliarden Mark.

Die internationale Umweltorganisation Greenpeace fordert hier auch mehr finanzielles Engagement von westlichen Unternehmen, denn schließlich stammten die Altlasten meist von ihnen. Die Konzerne hätten ihre Produkte häufig am Bedarf vorbei über Jahrzehnte hinweg "offensiv vermarktet" und über Hilfsprogramme "in jeden Winkel des Globus geschleust".(APA/dpa)

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