Erkenne das Böse

22. Mai 2001, 19:48
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Ein Jus-Professor mischt Straftäter und Polizisten durcheinander - und lässt seine Studenten die "Verbrechergesichter" erraten

Vor einigen Jahren lief in den USA ein denkwürdiger TV-Spot gegen Rassismus und Vorurteile: Eingeblendet wurde das Gesicht eines ziemlich vierschrötig aussehenden Afro-Amerikaners, daneben flimmerte ein Lauftext durch, der den ZuschauerInnen stückchenweise Informationen vorsetzte. "Name: ...". "Geboren: ...". "Vorstrafen: ...". "Beging einen bewaffneten Raubüberfall am ...". "Wurde verhaftet von Officer ...". - "... dem Mann, den Sie auf diesem Foto sehen."

Das saß. Und ein Experiment, dem derselbe Gedanke zu Grunde liegt, führt der deutsche Kriminologe Hans-Dieter Schwind an der Uni Bochum durch, wie der "Spiegel" berichtet. Der Jusprofessor lässt im Rahmen seiner Vorlesung "Kriminologie I" Straftäter wie auch Gesetzeshüter in einer Reihe antreten, um seinen StudentInnen beizubringen, sich nicht vom äußeren Eindruck und von Klischeevorstellungen zu falschen Schlüssen verleiten zu lassen. Selbst Polizeipräsidenten oder Leiter von Justizvollzugsanstalten mischen sich unter verurteilte Kriminelle, stellen sich wie diese nur mit Vorname und Hobby vor - und werden dann von den StudentInnen "beurteilt", ob sie Verbrecher oder gesetzestreue Bürger sind.

Was dahinter steckt

Dass charakterliche Eigenschaften sich an physiognomischen Merkmalen ablesen ließen, ist eine Idee, die - auf den "Untersuchungen" des italienischen Kriminologen Cesare Lombroso fußend - vor allem im 19. Jahrhundert populär war. Fliehende Stirn, hervorstehende Augenwülste, Hakennase, asymmetrische Gesichtszüge usw. - nicht zuletzt die Nazis griffen gerne auf derartige Kriterien zurück. Schwind will seinen StudentInnen solche Vorurteile jedoch mit Nachdruck austreiben.

Schwind: "Von Sympathie und Antipathie ist niemand frei, aber wer ein guter Richter oder Staatsanwalt werden will, darf sich keinesfalls von der Physiognomie eines Angeklagten in seinem Urteil beeinflussen lassen."

... und das Ergebnis

1998 führte Schwind das Experiment schon einmal durch. Ergebnis: Die versammelte StudentInnenschaft hielt schlicht und ergreifend alle der im Spalier stehenden "Verdächtigen" für kriminell; einen der insgesamt drei anwesenden Polizeipräsidenten sowie einen Oberstaatsanwalt allerdings häufiger als die anderen ...

Und auch Uni-Pressesprecher Josef König bekam sein Fett als "Dieb" und "Zuhälter" ab. - "Uns wurde wirklich alles zugetraut ..."

Professor Schwind, der auch andere Vorlesungsthemen mit unkonventionellen Methoden lebensnah erfahrbar machte, wird im Juli emeritiert. Möge sein Beispiel Nachfolger finden. (red)

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