Maul- und Klauenseuche bringt Konfliktpartner in Nordirland zusammen

19. Mai 2001, 14:42
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Protestantische Bauern zufrieden mit katholischer Landwirtschaftsministerin

Belfast - Die katholische Landwirtschaftsministerin in der nordirischen Regionalregierung, Brid Rodgers, muss sich an Fanbriefe protestantischer Bauern erst noch gewöhnen. Noch vor einem Jahr wurde sie während des Besuchs in einem Fischereihafen mit Eiern beworfen, aber heute hat sie sich mit ihrem entschlossenen Vorgehen im Kampf gegen die Maul- und Klauenseuche einen Namen gemacht. Die meisten nordirischen Bauern sind probritische Protestanten, und sie loben den Einsatz ihrer proirischen Landwirtschaftsministerin.

"Ihre politischen Ansichten sind mir egal, aber ich freue mich darüber, dass sie die Interessen des Landes an die erste Stelle gestellt haben", schrieb ein Bauer. Auch der Präsident des Bauernverbandes Ulster, Douglas Rowe, ist zufrieden. "Unsere Regionalregierung nützt uns weit mehr als das alte System", sagte er. "Die Minister stehen jeden Tag zur Verfügung, und Brid Rodgers redet nicht um den heißen Brei herum."

Sie hat gute Entscheidungen getroffen

Der erste MKS-Fall wurde aus Nordirland am 1. März gemeldet. Seitdem wurden die Höfe abgeriegelt, dürfen nichts mehr verkaufen und gehen langsam bankrott. Die Bauern erklärten jedoch, der Schaden wäre weit höher gewesen, wenn Rodgers nicht sofort ein Einfuhrverbot von Fleisch- und Milchprodukten aus Großbritannien durchgesetzt hätte. "Unsere Landwirtschaftsministerin hat entschieden, was für Nordirland am besten ist", sagte Rowe. "Die britische Regierung und die britischen Supermärkte waren gegen diese Maßnahme, aber sie hat eine gute Entscheidung getroffen."

Während in Großbritannien rund 1.600 Tierherden von dem MKS-Virus befallen wurden, waren es in Nordirland nur vier. Der Leiter des Instituts für Demokratischen Dialog, Robin Wilson, erklärte, eine Regierung in Hand der örtlichen Vertreter bringe gewisse Vorteile mit sich und sei schlichtweg in der Bevölkerung beliebt. "Den Menschen gefällt der Gedanke, dass die Politiker ihre ganze Zeit Nordirland widmen", sagte er.

Friedlicher Umgangston überrascht

Beobachter sind am meisten überrascht über den friedlichen Umgangston zwischen Rodgers und dem Agrarausschuss des Parlaments, denn die Zusammensetzung des Gremiums bietet durchaus Zündstoff. Vorsitzender ist Ian Paisley, ein streitbarer Antikatholik, neben ihm finden sich Anhänger der mit der Untergrundorganisation Irisch-Republikanische Armee (IRA) verbundenen Partei Sinn Fein. "Ich habe nie mit Herrn Paisley gesprochen, bis ich dieses Amt übernommen habe", sagte Rodgers. "Zwischen uns gibt es sicherlich tiefe politische Differenzen, aber er ist sehr pflichtbewusst, und er sorgt sich ehrlich um das Schicksal der Bauern. Manchmal ist er sogar höflich."

Ian Paisley Jr., der mit seinem Vater in dem Ausschuss sitzt, möchte jedoch der proirischen Seite keine Komplimente machen. "Wir sind nicht hier, um uns gegenseitig zu benoten, sondern um Gesetze zu prüfen", erklärte er. Während Paisley und sein Vater mit den Vertretern der Sinn Fein kein Wort wechseln, haben einige der probritischen Ulster Unionisten (UUP) das Eis gebrochen. So auch George Savage, der nach eigener Aussage oft mit seinem Ausschusskollegen von der Sinn Fein spricht. "Wir sind beide Bauern in einem schweren Geschäft", erklärte Savage.

Nordirland erlebe seit 30 Jahren endlich wieder so etwas wie Stabilität, sagte er weiter. "Vor nicht langer Zeit verging keine Woche, an der ich nicht hinter einem Sarg hergegangen bin. Dahin will niemand von uns zurück." (APA/AP)

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