Der Bartgeier fliegt wieder

18. Mai 2001, 22:51
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Sein Ruf, eine Bestie zu sein, wurde dem "Lämmergeier" zum Schicksal: Vor rund 100 Jahren wurde der letzte in den Alpen geschossen. Im Zuge eines Wiederansiedlungsprojekts wird nun der einhundertste Bartgeier in die Freiheit entlassen. Eine Reportage von Peter F. Weber

Im Jahr 1880 erfolgt eine schwarze Eintragung in die Annalen der österreichischen Vogelkunde. Damals schoss ein Kärntner Weidmann an einem lauen Frühsommermorgen den letzten Bartgeier Österreichs. Einige Jahre später waren die an das Leben im Hochgebirge angepassten Greife im ganzen Alpenraum ausgerottet.

Den riesigen Vögel mit einer Flügelspannweite von nahezu drei Metern war ihr Ruf zum Verhängnis geworden. Hirten berichteten, dass Bartgeier auf den alpinen Hochweiden über Lämmer herfielen, ja dass sie ganze Schafherden über Steilabhänge in den Tod trieben, und Jäger wollten angenagte Kinderschädel in Horsten gefunden haben. Als Beweis "für seine unbändige Lust, im Blute seiner Opfer zu baden" diente das rot gefärbte Federkleid. Folglich wurde den Lämmergeiern unerbittlich nachgestellt: mit strychninvergifteten Ködern, Schlagfallen und Schrot. Diese Vorurteile waren, wie so oft, Ausgeburten menschlicher Fantasien.

Bartgeier baden für ihr Leben gern in eisenhältiger Erde, um sich so ihr Federkleid zu färben. Warum sie das tun, weiß bis heute niemand. Und als Osteophagen fressen sie, was selbst andere Aasvögel verschmähen - blanke, oft bis an die letzte Muskelfaser leer gefressene Knochen. Wer je die Gelegenheit hat, einen Bartgeier dabei zu beobachten, wie er einen Rinderwirbel mitsamt daranhängender Rippe im Ganzen den Rachen hinunterschlingt, der spürt selbst ein Würgen in der Magengrube.

Der Lämmergeier wurde jedenfalls zu Unrecht über Jahrhunderte verfolgt, kein Hirte hätte wegen des harmlosen Aasfressers um seine Schafherden bangen brauchen.

Im Jahr 1986 starteten österreichische Ornithologen ein Wiederansiedlungsprojekt in den Hohen Tauern. Seither werden jedes Jahr bis zu acht Bartgeierküken in Österreich, Frankreich, Italien und der Schweiz freigelassen. "Am kommenden Mittwoch entlassen wir den einhundertsten Bartgeier im Osttiroler Innergschlößtal in die Freiheit", freut sich der Wildbiologe Richard Zink vom "Verein Eulen- und Greifvogelschutz" im niederösterreichischen Haringsee.

Dieser Verein ist Sammelstelle für Bartgeier aus aller Welt. Inzwischen schicken mehr als 30 Zoos, die sich an dem Wiederansiedlungsprojekt beteiligen, befruchtete Bartgeier-Eier per Passagierjet nach Haringsee. Das Licht der Welt erblicken die Vogelkinder 55 Tagen später im Brutschrank. Vier Tagen darauf werden die flauschigweißen Küken "Pflegeeltern" untergeschoben. "Allein der Anblick eines Kükens reicht aus, um bei den erwachsenen Vögeln den Brutpflegeinstinkt auszulösen", erklärt der Veterinärmediziner Hans Frey. Drei Monate lang kümmern sich die Pflegeeltern um die Jungen. Dann ist es Zeit, die Tiere der Wildnis zu übergeben.

Zum ersten Mal habe ich die Auswilderung von in Gefangenschaft gezüchteten Bartgeiern vor sechs Jahren miterlebt. Damals waren wir mit den zwei Geierjungen in den Naturpark Alpi Maritime an der italienisch-französischen Grenze unterwegs. Auf dem Rücksitz des weißen Kombis lagen, erschöpft von der zwölfstündigen Fahrt, die beiden dunkelbraunen Riesenbabys Mercantour und Topolino - drei Monate jung und so groß wie Steinadler. Zwei Fahrstunden vor Turin legten wir in dem malerischen Dörfchen St. Anna einen kurzen Zwischenstopp ein. Der Ornithologe Knut Niebuhr von der Veterinärmedizinischen Universität in Wien öffnete die Heckklappe, um die Vögel mit Frischluft zu versorgen, als eine alte Italienerin zufällig vorbeispazierte. Kreidebleich vor Schreck, schrie sie mit den Worten "l'avvoltoio, ... prende le galline!" das halbe Dorf zusammen. "Der Geier! Er wird die Hühner fressen! Erschlagt ihn!" Gott sei Dank hatten die herbeiströmenden Frauen und Kinder für die Sorgen von Mama Sophia nur ein Lachen übrig, die Aufklärungsarbeit der Wissenschafter zeigte Wirkung. Nur wenige Stunden später konnte wir Mercantour und Topolino der Wildnis übergeben.

Von den 98 in den vergangenen fünfzehn Jahren in den Alpen freigelassenen Bartgeiern brüten inzwischen sieben Paare selbst wieder. Die Fortpflanzung der Bartgeier ist die Messlatte für den Erfolg des Wiederansiedlungsprojekts. "Wir können ja nicht ewig Junge freilassen", sagt der Wildbiologe Richard Zink. "Irgendwann muss sich die Population selbst erhalten."

Wir stehen vor einer gut fünfzehn Quadratmeter großen Voliere in Haringsee. Christa und Eldorado sitzen ein wenig verschreckt neben ihrem Stiefvater; kurz zuvor hatten ihnen Hans Frey und Richard Zink einige Schwungfedern mit Wasserstoffperoxid gefärbt. Etwa zwei Jahre lang werden sie an dieser Markierung noch zu identifizieren sein.

Der weitere Vorgang ist Routine. Am kommenden Mittwoch werden Christa und Eldorado in einen Kunsthorst in einem unzugänglichen Steilhang im Innergschlöß gesetzt. Einige Wochen lang werden sie mit Knochen gefüttert und von der Ferne beobachtet. Die Tiere sitzen meist nur herum und fressen. Doch irgendwann, zumeist an einem windigen Augusttag, breiten sie ihre Flügel aus, heben ab - und legen eine halsbrecherische Bruchlandung im Geröll hin. Auch Geierkinder müssen erst fliegen lernen. Doch bis auf wenige Ausnahmen haben sie den Kniff schnell heraus, sich von den Winden tragen zu lassen. Dann streifen sie während ihrer Jugend Tausende Kilometer kreuz und quer durch die Alpen.

Haben Bartgeier mit sieben Jahren die Geschlechtsreife erreicht, sinkt ihr Risiko zu verunglücken, auf nahezu null. In freier Natur werden sie oft 30 Jahre alt, in Gefangenschaft deutlich älter. Als im Jahr 1993 die - für Menschen ungefährlichen - Vogelpocken im "Verein Eulen- und Greifvogelschutz" ausbrachen, starb ein Weibchen im Methusalemalter von 41 Jahren.

"Bei jungen Bartgeiern sind Lawinen eine häufige Todesursache", sagt Richard Zink. Er vermutet, dass die Vögel aus Mangel an Erfahrung, wo sie sicher landen können, die Schneebretter selbst lostreten. Von den 98 bis jetzt freigelassenen Bartgeiern wurden allerdings auch schon drei vom Himmel geschossen. Felix, ein 1993 im Engadin freigelassener Vogel, lag nur zehn Monate später von Schrotkugeln durchlöchert an der österreichisch-italienischen Grenze im Schnee. Die Autopsie ergab eine Schussdistanz von 15 bis 20 Meter.

Für Karl Hofbauer ist diese Schussdistanz nicht verwunderlich. "Bartgeier sind ungemein neugierige Tiere, die nähern sich Menschen schon auf 20 Meter an", sagt der Geschäftsführer des "Verein Eulen- und Greifvogelschutz".

Im Salzburger Krumltal stieg ich einmal auf dem steilen Trampelpfad zu den Hochweiden auf. Plötzlich schob sich Nicola, ein im Jahr 1991 freigelassenes Bartgeierweibchen, wie ein Flugsaurier vor die Sonne, und ihre fast drei Meter breiten Flügel warfen einen mächtigen Schatten. Minutenlang kreiste sie so in wenigen Meter Entfernung über meinem Kopf und jagte meinen Puls auf 180. Warum mich Nicola so genau in Augenschein nahm, weiß ich nicht. Aber ich konnte zum ersten Mal erahnen, wie Mythen darüber aufkommen, dass Bartgeier erschreckte Schafherden über Steilabhänge stürzen und Kinder entführen.

Es ist das von Menschen kaum genutzte Hochgebirge, das die Wiederansiedlung der Bartgeier überhaupt möglich macht. Und das unterscheidet dieses Wiederansiedlungsprojekt von anderen. Ob es für Braunbären in Mitteleuropa ausreichend Lebensraum gibt, darüber streiten sogar Zoologen. Wölfe werden geschossen, sobald eines der Tiere seinen Fuß nach Österreich setzt - was alle paar Jahre einmal vorkommt. Den Bartgeier fürchtet hingegen niemand mehr. "Platz und Nahrung gibt es für die Bartgeier genügend", sagt Richard Zink zuversichtlich. "Wenn es weiterhin so gut läuft wie bisher, können wir das Projekt Bartgeier in fünf bis zehn Jahren abschließen."(DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe 19./20. 5. 2001)

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