USA: Sorge vor gentechnischen Biowaffen

19. Mai 2001, 17:20
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Beim Kongress der Demokraten hatte man sich erstmals heimlich auf ein Bio-Attentat vorbereitet

London - Beim Kongress der US-Demokraten letztes Jahr in San Francisco gab es hinter den Kulissen eine Premiere: Alle Hospitäler der Stadt waren über Internet zusammengeschaltet, um Häufungen bestimmter Symptome - rasch steigendes Fieber etwa - herauszufiltern. Damit wollte man ein Biowaffenattentat auf den Kongress frühzeitig bemerken.

Die Angst vor Biowaffen in den USA ist alt und oft nahe der Hysterie, aber sie hat auch ihren Grund: Die USA haben in den 70er-Jahren die Entwicklung solcher Waffen abgebrochen, die Sowjetunion offiziell auch. Heimlich blieben Labors in Betrieb, in denen nicht nur mit "klassischen" natürlichen Biowaffen wie Anthrax (Milzbrand) experimentiert wurde. Man produzierte auch gentechnische Novitäten wie antibiotikaresistente Pestbakterien.

Zwar war lange umstritten, ob die Gentechnik bei den Biowaffen überhaupt neue Schrecken bringen kann: Man vermutete, dass durch den Einbau neuer Eigenschaften alte verloren gehen, dass etwa durch eine zusätzliche Antibiotikaresistenz die Aggressivität von Erregern geringer wird.

Ohne Absicht: Tödliches Genvirus

Aber dieses Frühjahr haben Gentechniker in Australien erstmals ein tödliches Virus konstruiert, ohne jede Absicht: Sie wollten ein Verhütungsmittel für Mäuse entwickeln und haben dazu das Mäusepockenvirus mit Interleukin-4-Genen ausgestattet. Sie sollten dafür sorgen, dass das Immunsystem von Mäuseweibchen sich gegen die eigenen Eier wendet. Das Pockenvirus hätte nur als Transportvehikel dienen sollen. Aber die Konstruktion war für die Mäuse tödlich, sie legte das Immunsystem lahm. Und von den Pocken der Mäuse zu denen des Menschen ist der Weg nicht weit.

Diese Wege werden immer kürzer, seit die Molekularbiologie immer rascher Genome entschlüsselt und immer feinere Methoden zur Genübertragung entwickelt. Gerade wurde etwa das Genom von antibiotikaresistenten Staphylokokken publiziert. Dann muss man nur warten, bis, wie angekündigt, demnächst die Genome von Pest und Anthrax fertig sind, und könnte beide Befunde kombinieren.

Mit Absicht: Antibiotikaresistenz

Deshalb gab es innerhalb der Scientific Community eine Debatte, ob das Anthrax-Genom überhaupt öffentlich gemacht werden soll. Man entschied sich dafür. Anders bei einem antibiotikaresistenten Kolibakterium, das ein US-Forscher zusammengebaut hatte. Auf Wunsch der American Society for Microbiology vernichtete er sein Produkt.

Aber das Wissen lässt sich nicht vernichten. Und in Russland gibt es sie noch, die früheren Biowaffenlabors, die neue Arbeit und vor allem Geld suchen. Ein Kernlabor, das Research Center of Virology and Biotechnology (VECTOR) in Sibirien - das einzige Höchstsicherheitslabor in ganz Asien -, soll gerade mit den vereinten Kräften der US-Gesundheitsbehörde, der Weltbank und des CNN-Gründers Ted Turner - 25 Millionen Dollar - auf zivile Seuchenforschung umgestellt werden. (jl, DER STANDARD, Print-Ausgabe 19./20. 5. 2001)

Nature, Vol. 411, S. 232; Science, Vol. 291, S. 288
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