Forever old

18. Mai 2001, 21:56
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Bob Dylan, die Zeitlosigkeit und ein nicht weiter wichtiger 60.Geburtstag.

Ein essayistisches Puzzle von
Wolfgang Kos

Bob Dylan wird 60. So what? Erstens war er immer schon so alt, wie "er" - sein wollte. Mit 20 sinnierte er mit heulender Totengräberstimme übers Sterben.

Zweitens hatte er von Anfang an einen Zweitwohnsitz im mythologischen Amerika, also im zeitneutralen Raum der Hobos, Gaukler und Herumtreiber. Drittens hat er seine Lieder und die Figur Dylan mindestens so oft dekonstruiert wie er sie neu erfunden hat.

Das der Rockmusik immanente Dilemma der Einsargung bei Lebenszeit, bei dem der Wunsch der Fans nach Verewigung magischer Augenblicke und die Reproduktions-Logik einer Branche, die Stars wie kostbare "Marken" unverändert im Warensortiment halten will, eine unheilvolle Koalition eingehen, hat ihn nur phasenweise betroffen. Seinen Hörern blieb er sowieso, auch nach lebenslanger Dechiffrierarbeit an Text und "hidden messages", ein Fremder, wenn auch ein vertrauter. "Der Fremde" lautet der kluge Untertitel der Mai-Nummer des Magazins Du, wohl ganz im Sinn des Meisters, der sich die Welt gerne auf Distanz grantelt. Indem er das Fremdmachen seiner Lieder früh zum Konzept machte, konnte er sie im Fluss halten.

Viertens scheint der "song & dance man" einfach weiterzumachen, was er seit Jahren schon tut. Er umkreist die Erdkugel in einer endlosen Folge von Konzerten und hat die transportable Ruhelosigkeit längst zum persönlichen Lebensraum gemacht. Ein Milliardär als Obdachloser? Man kann im Internet nachschauen, wo er heute abend gerade ist (und wohl auch, wenn man zur Spezies der Dylan-Statistiker gehört, welche Songs er vorgestern in Malmö im Vergleich zu vorvorgestern in Kopenhagen in welcher Reihenfolge gesungen hat), und vergisst dabei völlig, wie wenig Privates aus Dylans Leben nach Draußen dringt. Eine kürzlich erschienene neue Biografie hat etwa eine jahrelang vor der Öffentlichkeit abgeschirmte Ehe mit Kind bekannt gemacht. Immerhin handelt es sich um einen Mann, der sich mit seinen Songs und Stimmlagen millionenfach in das Innenleben anderer Menschen eingemischt hat, um dort für heilvolle Verwirrung und emotionale Bewegung zu sorgen. In den Auftritten der letzten Zeit ist Dylan - nach Zwischenphasen des radikalen Experimentierens am eigenen Liedkorpus - dem Urtyp des Unterhaltungs-Handwerkers und fahrenden Sängers ("Das ist mein Job, mein Gewerbe") viel näher als etwa einem Dichter, den ein Verlag, der um Millionen Übersetzungsrechte gekauft hat, auf entwürdigende Lesereise schickt. Dylan kommt und geht nach mitunter irrationalen, aber stets eigenen Kriterien.

Und fünftens fehlt Dylans 60. Geburtstag jene Tragik, die alternde Performer dann umwölkt, wenn sie ausschließlich auf weit zurückliegendes und abgewohntes Material zurückgreifen müssen. Auch wenn es ein paar Dutzend Songs von Bob Dylan gibt, die bereits sehr früh in die ewige Jukebox einzogen und das Eigenleben von Volksliedern entwickelten, hat man nie das Gefühl, es gebe einen konstanten Kanon der wichtigsten Lieder. Auch Kompilationen, die Titel wie "Greatest Hits" oder "More Greatest Hits" trugen, fehlte jeglicher objektiver Bilanzcharakter. Ein Grund dafür mag sein, dass die Dylans Platten im engen verkaufstechnischen Sinn nur sehr selten "Hits" waren. Jederzeit können sich Songs aus dem Depot zurückmelden und die Erinnerungsanordnung neu mischen. Lieder, die Dylan vorerst abseits liegen ließ, wie etwa "Blind Willie McTell", der Song von der ewigen Wiederkehr des Bluessängers, können im Nachhinein zu Schlüsselliedern werden - in diesem Fall für Dylans Zwiesprache mit der Tradition. Zudem hat Dylan auch in wenig kreativen Zeiten stoisch seine Sprachlust in Songs rinnen lassen. Und wenn diese ausblieb, nahm er sich, wie in den frühen neunziger Jahren, eben Traditionelles aus der ländlichen Prä-Moderne vor, um in aufregenden Exerzitien dem ritualisierten Erzählton von Blues und Folksong nachzuspüren, mit dem sich Gemeinschaften immer schon Schicksalshaftes und Bewegendes mitgeteilt haben.

1997 schließlich erschien mit "Time Out Of Mind" eine Liedersammlung, die nicht weniger profund und bewegend war wie "Blonde on Blonde" oder "Blood on the Tracks", um zwei Alben zu nennen, die viele Jahrzehnte zurückliegen. Dieses vorläufiges "Spätwerk" ist eine grandiose Zwischensumme eines Erfahrungsgierigen, der in dunklen Andeutungen von Ermattung und Wiederholungszwang berichtet. "I got new eyes: everythings looks far away". So lauten die letzten Zeilen, die offen lassen, ob der Weg noch gangbar ist. Melancholie und Unruhe ergeben trotz scheppriger Düsterkeit ein kräftiges Gemisch. Schwer und zäh rinnt das Leben dahin, die Schatten werden länger, aber die Richtungslosigkeit bleibt dieselbe: "It doesn't matter where I go anymore, I just go". Das klingt lockerer als es wohl ist. Günter Amendt, Autor mehrerer Dylan-Bücher, spricht von einer "pathetischen Grundkonstante in Dylans Schaffen". Er nennt sie Wahrheitssuche, doch diese ist mit dem Lügen, Flunkern und Freidrauflos-Assoziieren untrennbar verbunden.

Jede Ablagerung des Künstlers Bob Dylan ist millimeterpapiergenau gespeichert. Aus jedem Detail, aus jeder Zeile wurden tonnenschwere Interpretationen hochgerechnet. Aus diesem letztlich selbstreferenziellen Wust an "Dylaniana" ist im Lauf der Jahre ein monströser Dylan-Hypertext geworden. Man gerät in einen Kreislauf des immer wieder Gesagten, in dem sich durch immer neue Abschabungen der Blick aufs Ganze immer neu auflöst. "I'm waist-deep in the mist/ It's almost like I don't exist" (Cold Irons Bound, 1997). Die Redundanzen entsprechen Dylans Oeuvre mit seiner notorischen Unschärfe, zugleich aber können sie dazu führen, die Lust am Dylanologisieren zu verlieren - etwa just dann, wenn wieder einmal ein Anlass-Artikel geliefert werden soll. Tausende kluge Sätze über Dylan und tausende schillernde Sätze von Dylan habe ich griffbereit, während ich diese Zeilen schreibe. Doch die Lust zum Nachschlagen stellt sich nicht ein. Aber auch so muss ich bekennen, für

keinen einzigen Satz dieses Beitrages Urheberrecht zu beanspruchen: Alles ein endloses In-Sich-Kreisen, ein Stafettenlauf der abgegriffenen Weisheiten. In der Wiederholung bis zum Einmünden des Wiederholten ins Gewöhnliche liegt jedoch, so könnte man etwas hoch tönend einwerfen, die Essenz jeglicher populärkultureller Kommunikation.

Also, nehmen wir uns ein paar Sekunden aus der Dylan-Saga vor: Auf einem Tonband von einem Auftritt anno 1964, hört man, wie der junge Mann, der im Folkclub-Circuit anfangs auch mit Charlie-Chaplin-Impersonationen zu punkten versuchte, wieder einmal vor sich hin blödelte. "Heute habe ich meine Bob-Dylan-Maske auf", feixte er, und schnitt, so lässt das Lachen des Publikums vermuten, merkwürdige Grimassen. Aus diesem Moment und aus vielen ähnlichen Versuchen, zwischen sich und der Figur Dylan einen "cordon sanitaire" zu legen, hat sich etwa die Maskentheorie entwickelt, die im Kern nur besagt, dass "Joker Man" Dylan grundsätzlich ein Anderer ist.

Man könnte noch früher einsetzen und sagen, hier habe sich einer wie ein Puzzle zusammengesetzt, der ein Alter h.c. sein wollte, bevor er als junger Wilder die Folkszene aufmischte und - noch im Rimbaud-Alter - die musikalischen Milieus für immer durcheinander brachte. Die ersten Fluchtfantasien, denen sich der jugendliche Robert Zimmermann überantwortete, galten fremden und geheimnisvollen Orten im eigenen Land, dem armen Süden der Bluessänger und den Highways der Tramps, die er schon "wiederbesuchte" ("Highway 61 Revisited"), bevor er je dort war. Aufgewachsen ist Dylan, als Sohn eines jüdischen Elektrohändlers, in einer banalen Kleinstadt im nördlichen Minnesota, also weit weg vom Puls der Zeit. Von dort aus habe er sich in die Musik hineingeträumt, sagt die Figur Bob zur Figur Sam im Interview-Einakter "True Dylan" von Sam Shepard: "Manchmal hörte ich jemanden ein Lied singen, und ich stellte mir vor, dieser Typ zu sein." Im Spiegel der Songs von Woody Guthrie, Hank Williams oder Leadbelly, deren Protagonisten Menschen mit Lebensschicksal, aber ohne feste Adresse sind, erfand sich der ferne Bob. John Lee Hooker zum Beispiel: "Du hast eine Zeile wie ,black snake moan' oder ,Mississippi Flood' gehört - und sahst dich selbst bis zu den Hüften im Schlamm stecken."

Als Dylan, vollgestrebert mit Vergangenheit und bereit, sich dem Strom der Geschehnisse zu überlassen, in New York eintraf, hatte er die imaginäre Biografie eines Vaganten mit Gepäck, die er nach Lust und Laune variierte und in Songpoesie übertrug. Er war in ein sagenumwobenes, zugleich wahreres Amerika emigriert, von dem aus sich moralische Maßstäbe für die verlogene Gegenwart gewinnen ließen.

Auf einer neuen CD mit Live-Dokumenten ("Rare Live") ist eine Aufnahme von 1961 zu hören. Mit Inbrunst überantwortet sich der kaum Zwanzigjährige einem Spiritual. Er versucht, seine Stimme alt, schwer und ramponiert klingen zu lassen - nicht ohne Mimikry und Forcieren. Nach einer kurzen Zeit der imitativen Stilübungen wurde Dylans Musik schnell zu einer auf Schnellgang geschalteten Umwälzanlage, in der sich Urschlamm und Aktuelles zu immer neuen Momentzuständen mischten. Im rätselhaften Sturzgesang wurden auch viele Zitate aus alten Folk- und Bluessongs mitgerissen, um immer wieder surreal gebrochen zu werden.

Einerseits schuf der Autor und Sänger Dylan immer aus dem Augenblick heraus, sprunghaft assoziativ, flüchtig und an Perfektion wenig interessiert. Andererseits konnte man früh den weiten Atem von Zeitlosigkeit spüren, eine Art Traumzeit in der hypnotischen Tradition der Beat-Poeten und im episch-narrativen Duktus des Balladenerzählens, in dem die Zeiten und Orte verfließen. "Ich möchte die Zeit anhalten", sagte Dylan 1977 zu Dichterfreund Allen Ginsberg. Da der "mystery tramp" auf dem Highway 61, dort Johannes der Täufer, der einen Dieb foltert, da ein Postzug, der in die Abendsonne fährt, dort Einstein verkleidet als Robin Hood, auf dem Weg zum Karneval in der Desolation Row .

"Blowin' in the wind", dieses Kunstlied, das im Augenblick seiner Geburt zum Volkslied wurde, hat Dylan angeblich in ein paar Minuten hingekritzelt. Die enorme Breitenwirkung des Liedes, die bis in die Gesangsbücher der katholischen Jugend hineinreichen sollte, hängt damit zusammen, dass viele Menschen die Freiheits-Rhetorik zeitgemäß und dringlich empfanden - und dass das Lied zugleich den Duktus eines alten Gebets und einer Gewissenserforschung im biblischem Ton hatte. Immer wieder stellten sich alttestamentarische Brocken und archaische Bilder in den Weg. Dylans beste Songs kennen zudem die Balance zwischen Singular und Plural. "Ich" und "du" sind, wie im Blues, in der folk poetry und in der besten Poplyrik generell, zugleich störrisch persönlich und kollektiv, also dazu fähig, Allgemeines zu tragen. Dazu gehört, leer gespülte "große" Begriffe mit weitem Assoziationsfeld ("time", "road", "blood", "tomorrow") neu aufzuladen. So bekommen sie ihre Suggestivität zurück und können - durchaus mit kulturpessimistischem Trotz gegen die mediale Nivellierung - wieder in den poetischen Alltag eingespeist werden. Dylans letzte Platten sind voll mit überzeitlichen Floskeln, die durch oftmaligen Gebrauch entleert, aber dennoch feste Module kollektiver Erinnerung sind. Dylans Lieder seien immer wieder die Lieder anderer, so Stephen Scobie, aber: "Das sind ,meine' Lieder, insistiert die Stimme". Das Album "Time Out Of Mind" ist übervoll mit Echos und Zitaten, Dylan mäandert einmal mehr in der Grenzzone zwischen Anonymisierung und unerschütterlicher Ich-Behauptung. Gleich die erste Zeile lautet, lakonisch vorgetragen: "I'm walkin'".

Der Festredner trat ans Pult und sagte, in Dylans Liedern seien die "Wirrnisse und Hoffnungen" Amerikas aufbewahrt, seine Musik sei "der authentische Ausdruck des beunruhigten und bekümmerten Gewissens des jungen Amerika" . Der Geehrte war, als ihm 1969 die Universität Princeton mit solchen Worten die Ehrendoktorwürde verliehen wurde, gerade 28 Jahre alt. Doch mit solchen Stellvertreter-Phrasen hatte er bereits Langzeit-Erfahrung. Er war 23, als er in einer Umfrage unter US-Studenten als "markanteste Persönlichkeit unserer Epoche" ermittelt wurde (hinter John F. Kennedy).

Um 1970, Bob Dylan hatte viele seiner Fans gerade mit entspannten und lässig interpretierten Songs über die Freuden des Landlebens und über die Freiheit streunender Hunde ("if dogs run free, then why not we") irritiert, trat ein geltungssüchtiger New Yorker Stadtneurotiker namens Alan J.Weberman auf den Plan, um eine Dylan-Befreiungsfront zu gründen ("Befreit Dylan vor sich selbst!"). Weberman durchwühlte sogar Dylans Abfall, um Hinweise auf die Gründe für die Abkehr des Sängers vom rechten Weg zu finden. Irgendwann hatte Dylan genug vom Fan-Terror und forderte Weberman am Telefon auf, den Blödsinn bleiben zu lassen. Als dieser, völlig perplex, dass die unerreichbare Projektionsfigur "Bob Dylan" höchstpersönlich mit ihm redet, irgendetwas wie "Aber du bist doch Bob Dylan!" stammelte, soll dieser unwirsch geantwortet haben: "Nein, du bist Dylan".

Das Verhältnis zwischen dem Songpoeten und seinen Fans drehte sich immer wieder um das Problem der Vereinnahmung. Wem gehört Dylan? Kann er beansprucht werden? Ist er treu/verlässlich/berechenbar? Mit fast wütender Emphase holte Dylan immer wieder neu aus, um denen, die sich Übertragungszauber von ihm erwarteten, sein "It ain't me babe, no no no" entgegenzusetzen. Kann jemand ein verlässlicher Führer im Kampf gegen die Ignoranten und Bösmenschen sein, der mit hellwachen Scherzen wie "don't follow leaders / watch your parking meters" alles relativiert? Früh wurde Bob Dylan von den Medien zur stellvertretenden Gallionsfigur, zum "führenden Geist", zum "Sprachrohr" einer gegenkulturellen und suchenden "Generation" ernannt. Er genoss es phasenweise, das zeigen die Filme, Posen und höhnischen Interviews aus den Jahren um 1965, als allmächtiger Mr.Cool durchs Leben zu latschen und die Rollenspieler der Funktional-Gesellschaft spüren zu lassen, dass er für das Neue stehe und sie für Mief und Ignoranz. Bei einer Pressekonferenz ließ er eine Journalistin, die wissen wollte, warum er keine Protestsongs "mit Botschaft" mehr mache, so lange auflaufen, bis diese zugeben musste, sowieso keines zu kennen und das mit den "messages" nur in der Zeitung gelesen zu haben.

"Elvis Presley hat uns körperlich befreit, Dylan gedanklich", sagte Bruce Springsteen einmal. Und Patti Smith bekannte, dass sie via Dylan erstmals spürte, dass man auch in einer fremden Heimat Innigkeit und Bestärkung finden konnte. Vielen war Bob Dylan offenbar Hauslehrer auf dem Weg zur Selbstfindung. Fast verzweifelt wirken die Versuche des charismatischen Sängers, den letztlich auf Idylle zielenden Wunsch, die Welt durch ihn hindurch zu bewohnen, immer wieder zu enttäuschen. Die schroffen Brüche Figur Dylan ermöglichten es dem Künstler letztlich, ganz gut und mit einem Anflug von Weisheit über die Zeiten zu kommen.

Schon 1963, als ihm die Altklugkeit des jungen Protestsängers und die Rollenzuschreibung als Prophet und Mahner erstmals lästig wurde, sang er mit leichter, verjüngter Stimme: "Ah but I was so much older than / I'm younger than that now". Jünger sein, das hieß in diesem Fall: Sich frei machen von der Pflicht, Musik mit Jugendbezug zu liefern.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20. 5. 2001)

Wolfgang Kos ist Radiomacher und Kulturpublizist. Gemeinsam mit Michael Köhlmeier präsentiert er in Radio Ö1 eine Bob Dylan-Nacht. Beginn: Do, 24. Mai, 22 Uhr.

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