Im Ohrensessel "Die Bildung eines Reisenden"

26. Mai 2001, 01:32
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Oh ja, doch: Natürlich könnten Sie dieses dicke Buch Ihrem gebildeten und viel gereisten Onkel zum Geburtstag schenken. Er kennt und liebt Venedig, vielleicht ...

... war er sogar in Mexiko bei den Pyramiden der Azteken oder will demnächst mit dem Orient-Express fahren. All das wird er in diesem Buch beschrieben finden und mehr noch dazu, eine Reise nach Mali zum Beispiel. Zwar wird Ihr Onkel Mali nicht bereisen wollen. Aber er wird dennoch eine ungefähre Vorstellung von der Dunkelheit afrikanischer Nächte und von finsterer Armut haben, aus dem Fernsehen. Auch Mali ist gewissermaßen nicht aus der Welt. Ihr Onkel wird sich bestimmt freuen, es im Buch wieder zu erkennen.

Cees Nooteboom ist ein professioneller Reisender und ein professioneller Autor dazu. Er verkörpert die Verbindung von Weltbürger und kultiviertem Weltenbummler. (Ihr Onkel wäre das sicherlich auch gerne, wenn er sein Geld nicht anders verdienen müsste.) Solche Leute werden von Marcel Reich-Ranicki als "europäische Schriftsteller" gelobt. Sie sprechen als gemäßigte niederländische Patrioten in Berlin über die gerade stattfindende deutsche Wiedervereinigung, ohne in politische Fettnäpfchen zu treten. Ein paar Tage später schnäuzen sie sich in Japan bei Tisch selbst dann nicht, wenn sie noch immer verschnupft sind. Dank ihrer Weltläufigkeit können sie auch unter sehr exotischen Umständen ohne allzu große Konzessionen und ohne Skandal sich selbst treu bleiben: Sie reisen, um zu beobachten und erst später zu urteilen, nicht, um in Sinnkrisen zu geraten. Sie fliegen deshalb auch ab, bevor ein einzelnes Reiseziel das Skizzen- und Tagebuch sprengt und sich mit seiner ganzen Langeweile in ihr Leben drängt. Das, was allgemein als bedeutende Sehens- und Wissenswürdigkeit gilt, setzen sie gegen den Alltag; sie besuchen sehr beflissen Museen. Und hin und wieder fühlen sie sich einsam, dann möchten sie sich verlieben. Meist bleibt es im Skizzenbuch aber bei einer kennerhaften Bemerkung über die Schönheit einer einheimischen Passantin.

Es ist auch kaum zu bezweifeln, dass Nooteboom all die in seinem Buch auftauchenden Passantinnen wirklich gesehen hat; trotzdem wird ihre "Schönheit" fast immer nur mit dem abstrakten Begriff erwähnt, nicht beschrieben. Ihren Onkel wird das nicht stören, denn er wird den Begriff "Schönheit" in seiner Fantasie mit einem Klischee füllen. Diese Art der Fantasie wird er bei der Lektüre öfter brauchen, denn in den geschilderten Reiseerlebnissen sind Beobachtung und gedankliches Urteil merkwürdig getrennt. Die Beobachtung konstatiert aufzählend scheinbar unvermittelt die Eindrücke, die Gedanken dazu wirken jedoch wie aufgesetzt und sehr abstrakt: Aber genau das wird ihrem Onkel auch die Freude gönnen, etwas wieder zu erkennen, das er eigentlich noch gar nicht kennt:

"Die Luft ist salzig und feucht, irgendwo knarrt ein Frosch, alles riecht schwer und würzig, und ich fühle, ich bin in Afrika. Am Himmel stehen so viele Sterne, dass man meinen könnte, die Lichter der Fischerboote weit draußen auf dem Meer gehörten auch dazu, Sterne, die auf dem Wasser schwimmen. Mich kommt für einen Moment kosmischer Hochmut an, ich verspüre eine metaphysische Beziehung zum verschwenderisch ausgestatteten Firmament, gemildert durch klischeemäßige Vorstellungen wie: ,Heute morgen noch in Amsterdam, und jetzt schon in ... etcetera', und gehe daher schlafen, ein Supermarkt-Stanley des 20. Jahrhunderts in einer Hütte mit Dusche."

So viel mildernde Selbstironie erlaubt sich Nooteboom selten: wenn, dann betrifft sie kaum die Klischees, die schon in der aufzählenden Beobachtung stecken und nicht erst im Gedanken.

Das "Ich" in diesen Essays reist im Übrigen nicht nur: Es denkt auch über das Wesen von Fotografie und Film nach, analysiert gegenständliche Bilder und umschreibt, warum es mit vielen abstrakten so wenig anfangen kann. Vor allem aber liest es und besucht Orte, die mit den Autoren dieser Lektüren zusammenhängen. Außerdem trifft es sich unter anderem mit Bruce Chatwin, Umberto Eco und Federico Fellini: Es umgibt sich also zweifellos mit Bedeutung und pflegt den gebildeten Umgang mit ihr. Und all dies teilt dieses "Ich" aus einer scheinbar sehr persönlichen Perspektive mit und gibt dabei doch kaum etwas über sich preis: Die wenigen prägnanten, persönlichen Aufsätze des Buches porträtieren Menschen, denen Nooteboom wirklich nahe stand, wie etwa Mary McCarthy. Die prägnantesten und persönlichsten Sätze des Buches aber sind Zitate.

All das kennzeichnet natürlich nicht nur die Essays Nootebooms, sondern ebenso die Erzählungen vieler Leute, die reisen und lesen, um sich zu "bilden". Vielleicht sollten Sie das mit dem Geschenk für Ihren Onkel also doch noch einmal überdenken: Nicht, weil er dieses Buch eines international renommierten Bestseller-Autor schlecht finden würde. Aber wenn Sie ihm Nootebooms Buch schenken, bekommen Sie womöglich all seine Fotos aus Venedig wieder zu sehen. Schlimmer noch, Sie müssen sich auch noch seine anderen Reiseerzählungen anhören. Denn natürlich hat das viele Lesen und Reisen Ihren Onkel gebildet, aber es fragt sich, warum Sie sich deshalb für seine endlosen Geschichten interessieren sollten. (Christoph Leitgeb)

Cees Nooteboom
Nootebooms Hotel
Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen

öS 364,-/EURO 26,45
520 Seiten

Suhrkamp
Frankfurt/Main 2000

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