Der Historiker auf der Bühne

1. März 2002, 12:52
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Egon Friedells Kulturgeschichte der Neuzeit
Teil 10 von Roland Innerhofer

Die "Kulturgeschichte eines Kabarettisten", die der Verleger Hermann Ullstein ablehnte, ist bis heute ein Longseller. Egon Friedell (1878-1938) hat sein Opus magnum nach langer Verlagssuche im Beck-Verlag, dem schon Oswald Spenglers Untergang des Abendlandes einen beachtlichen Verkaufserfolg beschert hatte, untergebracht; 1927 erschien der erste, 1928 der zweite, 1931 der dritte Band. Friedell hatte sich bis dahin hauptsächlich als Feuilletonist, Essayist und Dramatiker, als Kabarettist, Schauspieler und Theaterkritiker hervorgetan. Das Gegenstück zur Kulturgeschichte der Neuzeit, die Kulturgeschichte des Altertums, blieb unvollendet: Am 16. März 1938, kurz nach dem Verbot seiner Neuzeit im nationalsozialistischen Deutschland und vier Tage nach der Annexion Österreichs, sprang der aus einer jüdischen Familie stammende Friedell aus dem Fenster seiner Wiener Wohnung in den Tod.

Friedell reklamiert für sich die Genialität des Dilettanten, der die Verkrustungen des disziplinären Denkens aufbricht und überraschende Verbindungen herstellt. Gegen die trockene Gelehrsamkeit setzt er Anschaulichkeit, "Bildkraft" und Leichtigkeit des Stils, gegen fachliche Spezialisierung Universalität und Originalität. Die apodiktischen Urteile und oft groben Aktualisierungen haben die breite Rezeption dieser Kulturgeschichte eher gefördert als behindert.

Eine fachwissenschaftliche "Widerlegung" Friedells muss ihr Ziel verfehlen. Denn seine Kulturgeschichtsschreibung ist von vornherein als ein ästhetisches Unterfangen ausgewiesen. Darin war er auch keineswegs Dilettant, sondern Spezialist - besonders das Theater war seine Domäne. Nicht zufällig orientiert sich seine Kulturgeschichte am Muster des Dramas. Den Dramenhelden entsprechen die "großen Männer, die Geschichte machen". Wenn die Weltgeschichte ein Schauspiel mit wechselnden Hauptfiguren und Auftritten ist, dann ist der Historiker Theaterschriftsteller und -kritiker zugleich.

Sein fundamentales Credo ist der Vorrang der inneren Werte der Menschen vor ihren materiellen Beziehungen, der Kultur vor der Ökonomie. Geschichte ist Erfindung, Fiktion, Konstruktion; sie entsteht erst durch die Auffassung und Beurteilung des Betrachters. Dieser Gedanke war schon in Nietzsches Relativismus, der Kultur als Produkt von Interpretationen und Machtinteressen dachte, angelegt und hat in der Postmoderne Karriere gemacht. Friedell zufolge kann nur der Künstler in die Wirrnis der historischen Ereignisse und Kräfte eindringen, ihren tieferen Zusammenhang erahnen und schöpferisch gestalten. Der geniale Kulturhistoriker ist, anders als der spezialisierte Wissenschafter, als Interpret des Weltgeistes den bedeutenden Dichtern, Philosophen und Religionsstiftern gleichzusetzen.

Das Modell, nach dem Kulturgeschichte rekonstruiert wird, ist die Katastrophe. Der Fortgang der Geschichte ist demnach ruckartig, sprunghaft, unvorhersehbar. Nicht graduelle, allmähliche Veränderungen kennzeichnen ihn, sondern plötzliche Wendungen, unerwartete Explosionen. Den universalen Rahmen liefert die "Welteislehre" Hanns Hörbigers, der die Geschichte des gesamten Kosmos als einen permanenten Wechsel abrupter und spektakulärer Weltuntergänge und Neuschöpfungen betrachtet. Gleichermaßen dramatisch verläuft auch die Menschheitsgeschichte. Schon der Untertitel des Buches, Die Krisis der europäischen Seele von der schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg, enthält die Grundthese Friedells: Die Neuzeit sei nur "eine flüchtige Mode, interessante Schrulle und kulturhistorische Kuriosität" zwischen zwei Irrationalismen, dem Mittelalter und einem neuen religiösen Zeitalter, der europäische Rationalismus nichts als eine "ideé fixe einer kleinen asiatischen Halbinsel, eine der rudimentärsten, primitivsten und infantilsten Geistesperioden der Menschheit" - ein vernichtendes Verdikt über Eurozentrismus und Kolonialismus.

In Friedells Geschichtsinszenierung triumphiert die Lust am Widerspruch und am provokanten Slogan: Das Prinzip der Entwicklung ist das Überleben der Unpassendsten, Geschichte wird von weltfremden Außenseitern und Träumern gemacht; das Altertum war nicht antik und das Mittelalter hell. Zum Denken in Antithesen gehört auch eine Vorliebe für die "schöpferische Paradoxie", für die mystische coincidentia oppositorum. Nikolaus von Kues repräsentiert die docta ignorantia und die comprehensio incomprehensibilis, Spinoza die folie raisonnante, Ideen sind "wägbare Imponderabilien". Eine dichotomische Polarität ist das Ordnungsprinzip, das nach Friedell die gesamte Welt und damit auch seine Kulturgeschichtsschreibung bestimmt. Zugleich trägt diese die markante historische Signatur der Zwischenkriegszeit - nicht nur aufgrund ihres Irrationalismus und Antisemitismus, ihrer Demokratiefeindlichkeit und Heldenverehrung, sondern auch in ihrem fundamentalen Wunsch, eine neue Totalität und Teleologie zu restaurieren und damit die Spezialisierung des Wissens, die wachsende Ausdifferenzierung der Gesellschaft, den Verlust ganzheitlicher Welterklärungen rückgängig zu machen. Ebendieses Ziel verfolgt eine physiognomische Sicht auf die Geschichte, die vom Einzelnen der Gestalt auf das Ganze des Charakters schließt. So verkörpert für Friedell die Perücke - als Steigerung und Isolierung - das 17. Jahrhunderts, die Marionette - als Abstraktion und Pathos - den Barockmenschen, Puder und Spiegel das Rokoko. Wie die Physiognomie Metaphern für Epochenkonzepte liefert, so erklärt das Bild des Organismus den gesamten Geschichtsverlauf. Der Gesellschaftskörper ist notwendig hierarchisch und arbeitsteilig organisiert, Krise und Krieg führen als "heilkräftiges Fieber" zur "Genesung". Nicht genaue historische Analyse, sondern der überraschende, suggestive "Analogieschluss des Künstlers (...), der mit physiognomischem Blick organisch Zusammengehörendes erfasst", bildet die Grundlage der Argumentation. Die komplex ineinander verwobenen Fäden dieser Argumentation bilden zu einem großen Teil (Krypto)zitate, sinngemäße Übernahmen, Reminiszenzen und Anspielungen. Selbst die eigenen Formulierungen bezieht der Autor oft aus schon früher erschienenen Essays. Gerade die Vielstimmigkeit und Disparatheit des Materials, die trotz der Intention einer weltanschaulichen Synthese immer hörbar bleibt, erzeugt den irritierenden Reiz dieses umfangreichen Buches.

Es gehört zu den produktiven Widersprüchen Friedells, dass er trotz seines Strebens nach einer alles umfassenden Totalität gegenüber der Sterilität vollkommener Geschlossenheit die Fruchtbarkeit fragmentarischer Offenheit betont. Das künstlerische Pathos und der kulturhistorische Missionsgedanke werden in Friedells Konzeption des Plagiats ironisch gedämpft. Ihrzufolge zeigt sich Genialität im richtigen Abschreiben dessen, was ein für allemal gültig formuliert wurde. "Die ganze Geistesgeschichte der Menschheit", so formuliert Friedell, "ist eine Geschichte von Diebstählen. Alexander bestiehlt Philipp, Augustinus bestiehlt Paulus, Giotto bestiehlt Cimabue, Schiller bestiehlt Shakespeare, Schopenhauer bestiehlt Kant. Und wenn einmal eine Stagnation eintritt, so liegt der Grund immer darin, dass zu wenig gestohlen wird. Im Mittelalter wurden nur die Kirchenväter und Aristoteles bestohlen: das war zu wenig." Das kann man Friedell gewiss nicht vorwerfen. []

Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit. Die Krisis der europäischen Seele von der schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg. öS 496,-/EURO 36,05/ 1570 Seiten. C. H. Beck, München, 155.-162. Tsd. 1996.
(Dreibändige Erstausgabe im selben Verlag 1927-1931.) Zudem ist die Kulturgeschichte der Neuzeit auch als zweibändiges DTV Taschenbuch erhältlich.

DER STANDARD, 19./20. Mai 2001

Roland Innerhofer ist Dozent für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Wien.
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