Diskreter Charme stiller Zeitgenossen

18. Mai 2001, 20:31
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Wittener Tage für neue Kammermusik

Witten - Einen Moment lang meint man, im falschen Film gelandet zu sein: gepflegter Hollywood-Kitsch auf einem Festival zeitgenössischer Kammermusik? Doch tatsächlich stammt die für einen Streifen namens Samoa komponierte Gebrauchsmusik von keinem Geringeren als Morton Feldman. Dass der Meister der endlosen Klangteppiche auch für die so genannte U-Musik gewebt hatte, war die Überraschung der vom WDR alljährlich veranstalteten Wittener Tage für neue Kammermusik.

Ein Konzert mit dem ensemble recherche, das live zu Hans Namuths und Paul Falkenbergs Filmen über Jackson Pollock und Willem de Kooning spielte, zeigte, dass Feldman auch dramaturgisch genaue Filmmusiken komponiert hatte: Während flächige Strukturen die Begleitmusik zu de Koonings breiter Pinselführung bestimmen, lässt der Komponist die hingeschlenzten Farbspritzer Pollocks von zwei nur flüchtige Strukturen spielenden Celli begleiten.

Die Stilbreite

Aber letztlich war diese Feldman-Reminiszenz nur von historischem Interesse. Im Zentrum des Festivals stand das wirklich Zeitgenössische, das mit einem guten Dutzend von Uraufführungen auch gebührlich präsentiert wurde. Leitende thematische Motive fehlten diesmal, denn wenn sich aus den neuen Stücken etwas ablesen ließ, dann die enorme stilistische Bandbreite des gegenwärtigen Komponierens. Und die kleine Ernüchterung, dass in diesem Jahr der große Wurf fehlte.

Nicht unproblematisch etwa Hans Zenders vierter Versuch, Verse Hölderlins musikalisch neu zu lesen. Waren bei seinen Vertonungen bislang nur melodramatische Sprechstimmen eingesetzt, so gestattete Zender nun in Mnemosyne der Stimme auch gesungene Passagen. Trotz des feinen, oft zerbrechlich wirkenden Instrumentalsatzes, den das Arditti Quartett luzide spielte, erhalten die Texte Hölderlins dadurch jenes Pathos, das ihnen Nono in Fragmente - Stille, an Diotima auf so wundersame Weise ausgetrieb. Da wirkten die lustvollen Verfremdungen von Dieb 13 (alias Dieter Kovacic), der Zenders Stück auf drei Turntables künstlich hochzwirbelte, weit erfrischender.

Farbiges Funkeln

Dennoch lässt Mnemosyne jene geistige Anstrengung erkennen, die man bei so manch durchschnittlichem Stück dieser Wittener Tage vermisste. Auf der Erfolgswelle ihrer Spieldosenmarotte reitet etwa Rebecca Saunders in ihrem dichroic seventeen, das zwar farbig funkelt, formal jedoch nach derselben Masche gestrickt ist wie viele ihrer Kompositionen. Spannender waren die eigenwillig-aufgewühlten Stücke von Enno Poppe und Andreas Dohmen, die mit Scherben und frottages echte Talentproben ablegten.

Überzeugend aber Mark Andrés Versuch, in ALS die Klänge von Bassklarinette, Cello und Klavier in den Raum zu projizieren. Und das, obwohl der "Trialog" (Ensemble modern) sich oft nur im Pianissimo vollzog. Von großer Ruhe ist auch Marco Stroppas Cantilena, das Unaufdringliches aus der taiwanesischen Folklore integriert. In diesem Kontext hatte es der kleinste abstand zwischen zwei gegenständen, ein expressives Chorwerk des Tirolers Johannes Maria Staud, eher schwer - das Leise war in Witten diesmal das Bestimmende.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20. 5. 2001)

Von
Reinhard Kager

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