Ziel: Entsittlichung des Volkes

18. Mai 2001, 20:12
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Karl Welunschek eröffnet die Rabenhof-Sporthalle mit Nestroy

Wien - Brecht war es, der dem Theater ein Sport-Publikum wünschte: jeder Zuseher ein Spezialist, Experte der Materie. In Wien sorgt Karl Welunschek nun zumindest für die adäquaten Rahmenbedingungen. Am Donnerstag eröffnete Rabenhof-Neoprinzipal Karl-ohne-Geld in brütender Vorgewitter-Hitze eine zweite Spielstätte: die Rabenhof. SPORTHALLE.

In der ehemaligen k.u.k. Reithalle der Krimsky-Kaserne 100 Meter neben dem Theater zeugen eingebaute Sauna-Holzdecke, Basketball-Körbe und grasgrüner Turnhallenboden von den Wechselfällen eines Gebäude-Schicksals. Von einer eher demütigenden postmonarchischen Zweitexistenz als Sporthalle. Jetzt also Theater. Von ebener Erd' Hüftschwung wieder hinauf in den ersten Stock der Kultur . . . und prompt drängt sich zur Premiere edles Schwarz (darin manche Prominenz) statt Sportler-Nylon auf den Sporttribünen um die unnummerierten Plätze.

Mitten ins Hallengrün hat Bernhard Hammer die Bühne gewuchtet: einen zweistöckigen Boxenverschlag mit ausreichenden Lauf- und Kletterstrecken zur sportlichen Ertüchtigung.

Anpfiff 20.00 Uhr: die Mannschaft läuft ein, nimmt vor der Bühne Aufstellung, stimmt die Nationalhymne an - die Intonation ebenso schief wie die Perücken, Plüschtalmi, Frotteebademäntel, Muskelshirt: eher Hinterhof-Liga Simmering als Bundesstolz. Regisseur Gerald Singer, der die Eröffnungspremiere, Nestroys Zu ebener Erde und erster Stock ursprünglich inszenieren sollte, wurde zwei Wochen vor Premierentermin vom Platz gestellt. Ein sprang der Hausherr und peitschte die Truppe in zwölf Probentagen durch den Inszenierungs-Parcours.

Das Ergebnis der Welunschekschen Tour de Force ist beachtlich: Neunzig prallvolle Spielminuten lang gibt die Sporthallen-Crew, musikalisch unterstützt von den Klängen Fritz Ostermayers, ihr Letztes: schlampert teilweise, rhythmisch eher zufällig als gezielt agierend, kraftmeiernd, ordinär, lustvoll, bunt (Kostüme: M. T. Bartl/V. Winkler). Volkstheater im Gemeindebau im besten Sinn, Kaisermühlen grüßt Erdberg.


Moralische Klassen

Edle Armut versus brutaler Kapitalismus, die ebenso simple wie falsche Zweiteilung der Welt in moralische Ober- und Unterklasse hat Nestroy schon 1835, in den Frühjahren des industriellen Reichtums, ad absurdum geführt. Den armen Schluckern im Erdgeschoß des Glücks fehlt nur das Kleingeld für den Luxus der Verkommenheit. Oder, um mit Humanic zu sprechen, frei nach Nestroy: Nackt sind alle Füße gleich - bei Welunschek also Strizzis und Schlampen, Ganoven und Geilheit hie wie da.

Vor allem aber bietet Nestroys zur Partitur verknappter Text eine fantastische Spielvorlage, in der die simultane Handlungsverschränkung selbst, filmische Montagetechniken vorwegnehmend, die Austauschbarkeit der Seins-Ebenen suggeriert. In der das souveräne Spiel mit den szenischen Motiven des barocken Theaters die Eitelkeit des Materiellen drastisch vor Augen führt - was im Fall von Zu ebener Erde . . . zu allererst eines heißt: Reichtum hat mit Verdienst aber auch gar nichts gemein. Ein Lied, das Welunschek wohl im Schlaf singt, denn noch immer verfügt er über keine verbindlichen finanziellen Zusagen der Stadt, sein Theater pfeift pekuniär aus dem letzten Loch - das aber mit Wucht:

Angeführt von Gottfried Neuner als schmierseifen-glattem Aufsteiger Johann und Silvio Szücs, dem Prater-Strizzi, fegt das Ensemble einen Abend auf die Bühne, der zu derben Zoten ebenso wenig Berührungsängste kennt wie sein 200-jähriger Autor, dem ein zorniger Zensor einst vorwarf, er habe "mit seinen Stücken wesentlich zur Entsittlichung des Wiener Volkes beigetragen".

Damit ihm Welunschek möglichst erfolgreich darin nachfolgt, wünscht man der Stadt eine gebefreudige Hand.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20. 5. 2001)

Von
Cornelia Niedermeier

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