Auf dem Koffer durch den hohen Norden

20. Mai 2001, 21:42
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Starregisseur Peter Zadek im Interview. Am Samstag feierte er seinen 75. Geburtstag.

Am Samstag feierte Starregisseur Peter Zadek seinen 75. Geburtstag, am Sonntag huldigten ihm Freunde und Weggefährten ab 11 Uhr in einer Matinee des Burgtheaters. Zadek-Biograf Klaus Dermutz markiert im Interview noch einmal die Grenzen von Zadeks meisterlicher Kunst.


Wien - Eben sind die Beifallsstürme für Rosmersholm beim Berliner Theatertreffen verklungen - Gelegenheit für Geburtstagskind Peter Zadek, ein Fazit zu ziehen: "Die Überintelligenz von Henrik Ibsen hat mich früher eher gestört. Ibsen hat eine besserwisserische Scheißintelligenz. Bei Rosmersholm hat mich jedoch diese wahnwitzige Intelligenz fasziniert."

Zadek: Ich habe bei Rosmersholm ja ganz anders gearbeitet als normalerweise. Ich habe dieses Mal richtig inszeniert. Meistens ändere ich ein bisschen und fummle an den Szenen. Nun habe ich das Stück Szene für Szene inszeniert. Seit vielen Jahren habe ich das nicht mehr gemacht, zuletzt in den 70ern.

Ich habe eine komische, verlorene Liebe zu Bertolt Brecht! Als ich ein kleiner Junge in Deutschland war, habe ich die Brecht-Stücke alle gesehen. Auch die Gastspiele des Berliner Ensembles in England waren sehr aufregend. Als ich in London zum ersten Mal Mutter Courage sah, war ich mit einem amerikanischen Kritiker in der Aufführung. Ich habe zu ihm gesagt: Guck mal, man kann auch Intelligenz auf der Bühne haben! Wir wussten in England nämlich nichts davon. Anfang der 50er-Jahre war das englische Theater in einem Zustand der Verblödung. Es gab nur Salonkomödien, bis John Osborne kam. Aber dies geschah schon unter dem Einfluss von Brecht.

Ich bin ja Anfang der 90er-Jahre ans Berliner Ensemble gegangen. Es war kein Zufall und hatte mehr mit Bertolt Brecht zu tun als mit Heiner Müller. In der Dramaturgin Bärbel Jaksch habe ich dann etwas von Brecht wiedergefunden. Die vier wichtigsten Punkte in der Inszenierung von Rosmersholm sind: Bärbel Jaksch, Elisabeth Plessen und ihre Übersetzung, Gert Voss und Angela Winkler.

Es war eine sehr glückliche Kombination. Lassen Sie uns hoffen, dass bei Der Jude von Malta die Kombination genauso glückt. Elfriede Jelinek, die das Stück übersetzt, kenne ich gut, sie interessiert mich wahnsinnig. Bärbel Jaksch und Gert Voss sind wieder dabei. Man kann nur hoffen.

STANDARD: Wie haben Sie die Schauspielerauswahl für Rosmersholm getroffen?

Zadek: Gert Voss ist ein absoluter Virtuose. Er gibt nichts, was er nicht kann. Voss hat den Virtuosen so reduziert, dass man ihn gar nicht mehr merkt. Das war das Aufregendste, und ich habe auch immer dafür gekämpft. Virtuosität hat mich noch nie interessiert. Virtuosität darf man nicht sehen. Denken Sie an die Szene am Ende des zweiten Aktes von Rosmersholm, wenn Johannes Rosmer und Rebekka West auf der Kiste sitzen und Rosmer redet und redet und redet. Eigentlich ist diese Szene eine wunderbare Liebesgeschichte. Gert Voss macht nichts. Er redet und schaut. Wie Angela Winkler und Gert Voss auf der Bühne miteinander umgehen, ist wunderbar.

STANDARD: Wie findet eine Figur zu ihrer Form?

Zadek: Nehmen Sie folgendes Beispiel: Bei jeder neuen Runde von Hamlet habe ich eine Probe gemacht - nicht um die Schauspieler zu korrigieren, sondern um sie zu erinnern, wo die Bewegungsgrenzen sind. Eines der wichtigsten Dinge: Theater muss immer riskant sein. Es muss immer das Risiko geben, dass alles absolut schief geht.

STANDARD: Wo lag das Risiko bei Rosmersholm?

Zadek: Einen Tag vor der Premiere hätte ich nicht sagen können, ob es klappt oder nicht. Je besser es ist, umso riskanter ist es. Jede gute Aufführung ist ein sich bewegender Octopus. Alle sagten über Rosmersholm: ein schreckliches Stück, wie doof!

STANDARD: Und was hat Sie dann bewogen, es zu machen?

Zadek: Sicherlich Angela Winkler. Angela kannte das Stück nicht. Ich habe es mit Maria Becker und Will Quadflieg vor über 30 Jahren gesehen. Ich dachte nach, welches Stück ich als nächstes mit Angela mache. Da fiel mir die Figur der Rebekka West ein. Ich denke Stücke immer mit Schauspielern. Der Jude von Malta habe ich schon lange im Kopf, aber erst seit Gert Voss das Stück gelesen hat, ist es für mich ein reales Unternehmen geworden.

In Rosmersholm gibt es übrigens viele Bilder des Abschieds. Den Koffer, den Rebekka West sich am Ende holen lässt und mit dem sie abreisen will - diesen Koffer werden Sie in vielen von meinen Inszenierungen wiederfinden. Es verbindet sich mit mir und meinem Emigrantentum. Mein Vater hatte während des ganzen Krieges neben der Tür einen Koffer stehen, an dem meine Mutter Rollschuhe geschnallt hat. Wenn man interniert wurde, durfte man nur mitnehmen, was man tragen konnte. Es gab damals noch nicht Koffer mit Rollen. Dieses Bild erinnere ich vom Anfang des Zweiten Weltkrieges, als ich 13 Jahre alt war. Ich erinnere das Kofferleben sehr gut: Ich lebe nur aus Koffern! Ich fühle mich auch nicht irgendwo ansässig, außer auf meinem Koffer.

Ich bin jemand, der sehr oft Dinge abgebrochen hat, bevor sie mich zerstört haben. Ich weiß noch, als ich sehr erfolgreich Intendant in Bochum war, weil es mir großen Spaß gemacht hat, kam nach ein paar Jahren der Punkt, wo ich dachte, ich kann natürlich weitermachen. Aber ich habe mich gelangweilt. Ich finde meistens immer einen guten Weg, um eine unangenehme Situation abzubrechen. Ich habe in Bochum ein Direktorium gegründet und bin nach Hamburg gezogen. Ich blieb aber noch eine Weile in Bochum Intendant, weil ich die Leute nicht verletzen und beschädigen wollte, die mir eine sehr gute Zeit gegeben hatten.

STANDARD: Sie haben in Ihrer Autobiografie Ibsen als "gloomy Ibsen" bezeichnet.

Zadek: Es ist nicht meine Beschreibung, sondern das allgemeine Urteil: Ibsen wird als "gloomy" gesehen. Als Pessimist. Ich kann Ibsen am besten im Vergleich mit Tschechow beschreiben, der mindestens so viel über Menschen versteht, wenn nicht mehr als Ibsen, aber nicht "gloomy" ist. Tschechow ist eigentlich kein Pessimist, obwohl den Menschen immer schreckliche Dinge passieren. Sie sterben, sind traurig und sehnen sich nach Moskau. Ibsens andauerndes, unaufhörliches analytischen Vorgehen kann nichts in Ruhe lassen. Ibsen ist nicht bereit, irgendetwas so zu akzeptieren, wie es ist.

Ibsen ist ein andauernder Wahrheitssucher, was ich wunderbar finde, aber von einer unbeschreiblichen, penetranten Unnachgiebigkeit bei den Menschen. Ich bin nicht so. Ich kann sehr wohl einen Menschen genießen, von dem ich weiß, dass er ein Gauner ist, ohne dass mir vorwerfe, dass ich dabei verlogen bin.

Tschechow findet Menschen gut: Es ist für ihn eine gute Sache, dass es sie gibt. Und Ibsen findet, dass es keine gute Sache ist, dass es Menschen gibt. Er findet sie eigentlich relativ scheußlich. Ibsen ist wunderbar, weil er in seinen Analysen von einer solchen Raffinesse ist.

Ibsen kümmert sich nicht darum, was jemand sagen würde. Er legt es ihm einfach in den Mund. Bei Tschechow passiert es ganz organisch. Bei Ibsen gibt es immer diesen Grad von Künstlichkeit: Ibsen liebt die Menschen, wie man im Labor Ratten liebt, die die Wände hinaufklettern. Und Ibsen sieht zu, ob sie einen Meter oder einen Meter und einen Zentimeter klettern. Auch eine Form von Liebe!

Das ungeformt Anarchische, diese Art von Leben, wo man eigentlich in der Luft lebt, wie ich es tue, hat mit Outsidertum zu tun. Ich reise nur von einem Hotel zum anderen. Ich habe zwar ein Zuhause in Italien, aber das ist in einem Land, in dem ich nicht einmal die Sprache verstehe. Ein Erfolg wie Hamlet gibt mir mit dieser tollen Schauspielertruppe ein ganz starkes Familiengefühl. Es ist sicherlich die Sucht nach einer Familienangehörigkeit. Die Formsuche ist dazu nicht unähnlich: Ich suche mir in der Kunst Partner, die eine große Sicherheit in sich haben, auch bei Schauspielern.

Ein Schauspieler wie Gert Voss ist daher eine große Absicherung für mich. Ich weiß, ich kann Gert Voss jeden Schwachsinn erzählen, und er wird ihn ordnen. Ich kann meine Fantasie in der Weltgeschichte und im Stück frei herumrasen lassen. Und Ibsen? Er ist der Former aller Formen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20. 5. 2001)

Eben erschienen:
Klaus Dermutz,
"Die Außenseiter- Welten des Peter Zadek",
"Edition Burgtheater"
im Residenz-Verlag,
224 Seiten,
100 Abbildungen
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