Zehn Gene gegen Aids

18. Mai 2001, 14:38
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"Die ersten drei oder vier Arzneimittel, die aus diesen Erkenntnissen stammen, kommen derzeit in die Erprobungsphase beim Menschen"

Wien - Zehn Gene gegen Aids: Ein Team um Stephen O'Brien von den Nationalen US-Gesundheitsinstituten (NIH) hat in jahrelanger Arbeit zehn Erbanlagen beim Menschen identifizieren können, die die Empfänglichkeit für eine HIV-Infektion bzw. den Verlauf bis zum Ausbruch von Aids steuern können. "Die ersten drei oder vier Arzneimittel, die aus diesen Erkenntnissen stammen, kommen derzeit in die Erprobungsphase beim Menschen", erklärte der Wissenschafter.

O'Brien: "Wir haben schon in den achtziger Jahren begonnen, nach genetischen Faktoren zu suchen, die entscheiden, ob eine Person mit HIV infiziert werden kann oder nicht, ob ein Infizierter dann bald an Aids erkrankt oder nicht und welche Begleitkrankheiten auftauchen."

Durchbruch

Der entscheidende Durchbruch, zu dem 1996 der US-Aids-Virus-Entdecker Robert Gallo und eine deutsche Forschergruppe beitrug: Die Identifizierung von Co-Rezeptoren zusätzlich von CD4 auf jenen Zellen, die von HI-Viren "geentert" werden. O'Brien: "HIV benötigt zur Infektion zunächst einmal den CD4 Rezeptor an der Oberfläche der anvisierten Zelle. Hinzu kommen aber die genannten Co-Rezeptoren."

Der Experte: "Diese Co-Rezeptoren werden CCR5, CCR2, CCR3, CCR8 oder zum Beispiel CXCR4 genannt. Normalerweise infizieren sich Menschen neu mit HIV durch ein so genannten M-tropen Virus. Diese Aids-Erreger verwenden auf ihren Zielzellen den CD4 und zumeist einen der CCR-Rezeptoren. Kurz bevor aber (nach Jahren, Anm.) das Immunsystem der Betroffenen zusammenbricht, kommt es zu einem dramatischen Wechsel bei den HI-Viren des Patienten. Plötzlich bilden sich im Körper Formen von Aids-Viren, die nicht mehr den Co-Rezeptor CCR5 oder ähnliche benötigen, sondern den CXCR4-Rezeptor."

Aus diesem Wechsel könnten sich jedenfalls bedeutende Konsequenzen für die künftige Strategie in der Prophylaxe und in der Behandlung von Aids ergeben, ebenso aus Gen-Mutationen, die manche Menschen resistent gegen HIV machen. O'Brien: "Wer die so genannte DeltaCCR5-Mutation in zwei Kopien in seinem Genom besitzt, wird durch die M-tropen HI-Viren nicht infiziert. Das ist in der kaukasischen Bevölkerung (europäische, nordamerikanische Bevölkerung) bei ein bis zwei Prozent der Menschen der Fall.

Blockade der Co-Rezeptoren

Große Pharmakonzerne arbeiten bereits intensiv an der Ausnützung der Gen-Erkenntnisse rund um Aids. Neu entwickelte Substanzen sollen die CCR5-Rezeptoren blockieren und so bei Einnahme der Medikamente eine Infektion durch die Erreger der Immunschwächekrankheit verhindern. Das könnten sowohl Mittel zur Behandlung von Infizieren als auch zur Prophylaxe werden.

Doch auch noch mehrere andere Gene bzw. Genvarianten des Menschen können einen Einfluss auf den Verlauf von HIV-Infektionen haben. US-Experte Stephen O'Brien: "So zum Beispiel gibt es Formen des menschlichen SDF1-Gens, welches das Fortschreiten der Erkrankung um Jahre hinauszögern kann. Der Effekt der schützenden Gen-Variante von SDF1 ist auch kombinierbar mit der protektiv wirkenden Mutation von CCR5."

Veranlagungssache

Hinzu kommen bestimmte Veranlagungsvarianten für die körpereigene Produktion des Immunbotenstoffs Interleukin-10 sowie für die entscheidenden Gene bei der Erkennung von Krankheitserregern (HLA-B), die ebenfalls einen Einfluss auf die "Anfälligkeit" für HIV bzw. Aids besitzen dürften. Daraus sollen ebenfalls zukünftige Strategien für Arzneimittel und für die Entwicklung von Impfstoffen entstehen.

Ähnliches gilt für die Tuberkulose. Philippe Gros von der Abteilung für Biochemie der McGill Universität in Montreal in Kanada und sein Team konnten an Mäusen zunächst zeigen, dass verschiedene Varianten von NRAMP-Genen entweder zum schnellen Tod der Tiere nach einer Tuberkulose-Infektion oder zu ihrer Resistenz führen.

Daraus könnten - auch für andere Infektionen mit Bakterien - neue Erkenntnisse kommen. Gros: "NRAMP-Gene gibt es von der Hefe, über Würmer und Mäuse bis zum Menschen." Sie dürften einen Einfluss auf den Transport von Metall-Ionen (z.B. Eisenionen) besitzen und so einen mehr oder weniger guten "Nährboden" für die in Zellen eingedrungenen Krankheitserreger bilden. Auch das ließe sich eventuell für zukünftige Therapien ausnützen.

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