EuropäerInnen stammen von sieben Müttern ab

18. Mai 2001, 14:28
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Gen-Experte: "Es gibt nur das Individuum"

Wien - Die Wissenschaft bläst dem Humbug angeblicher "völkischer Gen-Identitäten" das sprichwörtliche Lebenslicht aus. "Von der isländischen Bevölkerung stammen 60 Prozent der Frauen aus Schottland. Ich habe mir jahrelang von Finnen angehört, wie genetisch homogen sie sein mögen. Sie sind es nicht. Kein 'Volk' ist genetisch homogen", erklärte der weltbekannte "Gen-Archäologie-Experte" Univ.-Prof. Dr. Brian Sykes (Abteilung für Humangenetik an der Universität Oxford) am Freitag bei einem Plenarvortrag und einer Pressekonferenz im Rahmen des Internationalen Humangenetik-Kongresses in Wien.

Sykes hat in den vergangenen Jahren auch Erbsubstanz von "Ötzi" untersucht. Der Wissenschafter: "Da gab es die Theorie einer Fälschung. Aber 'Ötzi' ist ein Europäer. Und wenn wir fragen, was wir 'Europäer' sind, dann stammen 95 Prozent der Menschen von sieben Müttern ab. Das ergibt die Analyse der nur durch Mütter vererbten Mitochondrien-DNA."

Der Wissenschafter in einem fulminanten und auf wissenschaftlichen Tatsachen beruhenden Plädoyer gegen genetische Trennlinien zwischen Menschengruppen auch mit Verweis auf den Pionier dieser Forschungen über die Herkunft der Menschheit: "Es gibt kein Gen, das eine Klassifizierung der Menschheit in Gruppen erlaubt. Auch vermeintliche 'Stammbäume' gibt es nicht. Es gibt nur das Individuum."

Widerlegung

Sykes hat auch eindeutig die These von Thor Heyerdahl widerlegen können, wonach eventuell Menschen aus Amerika vor rund 3.000 Jahren über den Pazifik bis nach Polynesien gekommen seien. Sykes: "Heyerdahl lag falsch. Die Frauen der Bevölkerung auf den Cook-Inseln kamen in zwei Wanderungswellen nach Polynesien: die meisten von ihnen aus Taiwan, eine weitere Gruppe aus Papua Neuguinea. Die Männer kamen ebenfalls zu zwei Dritteln aus Südostasien und zu einem Drittel aus Europa. Das waren die Seemänner, Walfänger etc."

Sex, Liebe, Überleben durch Nachkommenschaft - sie kannten bei den Menschen nie Grenzen zwischen Völkern. Das stellte sich laut dem britischen Fachmann auch bei der angeblich so homogenen und von den Wikingern abstammenden Bevölkerung Islands heraus.

Sykes: "Island wurde um 900 von den Wikingern, also Skandinaviern (Norwegern etc.) kolonisiert. Die meisten Frauen aber kamen aus Schottland, also aus einer gälischen Bevölkerung. 60 Prozent der Frauen in Island kamen ursprünglich aus Schottland, am häufigsten von den Orkney-Inseln."

Anthony Brookes, Genetiker an der Universität Edinburgh: "Die Isländer sind nicht genetisch einheitlich. Der große Vorteil liegt in ihren exzellenten Daten über ihre Abstammung und ihre Verwandtschaftsverhältnisse." (APA)

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