Afghanistan: Ein Paradies geht vor die Hunde

18. Mai 2001, 13:15
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Kein Platz für Naturschutz im Krieg

Chitral - In Afghanistan stirbt ein irdisches Paradies. Jahre des Krieges, eine anhaltende Dürre und die Vernachlässigung des Naturschutzes unter den regierenden islamistischen Taliban erweisen sich als Katastrophe für die einst reiche Natur in dem westasiatischen Land.

Noch leben in den nördlichen Regionen an der Grenze zu Tadschikistan, Pakistan und China Marco-Polo-Schafe, das Urial und Schneeleoparden, und in den nordöstlichen Provinzen Kabul, Logar und Kunar wilde Bergziegen, Steinböcke und Bären - aber sie sind extrem gefährdet.

Umweltschützer beklagen den Niedergang der afghanischen Naturschutzgebiete, deren Erhalt und Pflege auf der Prioritätenliste der Taliban am untersten Ende stehen. Schon jetzt wirkt das Schutzgebiet im zentralafghanischen Ajar-Tal - früher ein beliebtes Jagdgebiet der Königsfamilien - wie ausgestorben.

Jahre der Dürre haben nicht nur Menschen, sondern auch Tiere aus dem Tal vertrieben. Die Wälder und Seen, die ihre Lebensgrundlage waren, vertrocknen mehr und mehr. Nach Angaben von Mohammad Ali vom 'Mountain Area Conservancy Project' des Weltnaturschutzbundes (IUCN) ist infolge der Dürre in diesem Jahr ein deutlicher Rückgang der Wandervögel zu verzeichnen.

Dies gilt auch für Wasserschutzgebiete wie den Hashmat-Khan-See in Abe Astada südwestlich von Ghazni und etwa 165 Kilometer von der afghanischen Hauptstadt Kabul entfernt. Hier hat die Dürre den Staat seine einzige Brutstätte für Flamingos gekostet und einen der Rastplätze für den sibirischen Kranich.

Wie die kleine Nichtregierungsorganisation (NGO) 'Save Environment Afghanistan' (SEA) berichtet, ist der See seit Anfang der 1990er Jahre nach und nach trocken gefallen. Heute leben hier keine Vögel mehr, und der sibirische Kranich ist fast ausgestorben. Noch 1979 war der See Heimat für 2.000 Enten aus neun verschiedenen Arten, für 2.000 bis 3.000 Blässhühner und 15.000 Watvögel. Auch sie waren in 26 Arten vertreten.

Anwar Khan, ein Jäger aus dem nordpakistanischen Chitral-Tal nahe Afghanistan, hält den Menschen allerdings für noch gefährlicher als die Dürre. Vor allem die Bärenjäger, die Jungtiere für verbotene, aber im pakistanischen Punjab und in Sindh verbreitete Bärenkämpfe liefern, hat er im Visier.

Viele dieser Bären, sie sich vor johlendem Publikum gegen beißende Hunde verteidigen müssen, stammen laut Khan aus Afghanistan. 1.000 US-Dollar bringt ein Bärenpärchen dem Fänger, der in aller Regel die Mutter erlegt, um die Jungen leichter einfangen zu können. Nach Angaben der 'World Society for the Protection of Animals' (WSPA) finden in Punjab jeden Winter etwa 50 der illegalen Kämpfe statt, die die britischen Kolonialherren auf dem ganzen indischen Sunkontinent eingeführt haben.

Beliebt ist Afghanistan auch bei reichen Arabern aus dem Nahen Osten, die hier auf Falkenjagd gehen. Von den vier in Afghanistan lebenden Arten - Habicht, Wanderfalke, Sperber und Würgfalke - schätzen sie besonders die ersten beiden für die Jagd auf Kragentrappen.

Die großen langhalsigen Vögel sind vor allen deshalb so begehrt, weil ihr Fleisch angeblich die Manneskraft stärkt. Umweltschützer schätzen, dass die noch etwa 100.000 in Asien lebenden Trappen dank intensiver Jagd in den nächsten 50 Jahren aussterben. Noch aber tummeln sie sich vor allem in den Wüstengebieten der afghanischen Provinzen Kandahar, Hilmand und Farah. Reg in Kandahar gilt als erstrangiges Jagdgebiet.

Nach Berichten aus dem afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet haben im März 96 teure Wagen im Konvoy bei Chaman die Grenze überquert. Die Hälfte der Wagen waren Kühlwagen, in denen erlegte Vögel sicher heimtransportiert werden können. Als Besitzer der Kolonne haben die Beobachter 60 arabische Scheiche ausgemacht. Zusammen mit ihren Falken waren sie auf dem Weg zum Hauptquartier der Taliban im Südwesten von Kabul. (IPS)

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