"Völkische Gen-Identitäten gibt es nicht"

18. Mai 2001, 12:17
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Brian Sykes entzieht Thor Heyerdahls "Beweis" prähistorischer Pazifik-Überquerungen die genetische Grundlage

Wien - Die Wissenschaft bläst dem Humbug angeblicher "völkischer Gen-Identitäten" das sprichwörtliche Lebenslicht aus. "Von der isländischen Bevölkerung stammen 60 Prozent der Frauen aus Schottland. Ich habe mir jahrelang von Finnen angehört, wie genetisch homogen sie sein mögen. Sie sind es nicht. Kein 'Volk' ist genetisch homogen", erklärte der weltbekannte "Gen-Archäologie-Experte" Univ.-Prof. Dr. Brian Sykes (Abteilung für Humangenetik an der Universität Oxford) am Freitag bei einem Plenarvortrag und einer Pressekonferenz im Rahmen des Internationalen Humangenetik-Kongresses in Wien (bis 19. Mai).

Sykes hat in den vergangenen Jahren auch Erbsubstanz von "Ötzi" untersucht. Der Wissenschafter: "Da gab es die Theorie einer Fälschung. Aber 'Ötzi' ist ein Europäer. Und wenn wir fragen, was wir 'Europäer' sind, dann stammen 95 Prozent der Menschen von sieben Müttern ab. Das ergibt die Analyse der nur durch Mütter vererbten Mitochondrien-DNA."

Plädoyer

Der Wissenschafter in einem fulminanten und auf wissenschaftlichen Tatsachen beruhenden Plädoyer gegen genetische Trennlinien zwischen Menschengruppen auch mit Verweis auf den Pionier dieser Forschungen über die Herkunft der Menschheit: "Es gibt kein Gen, das eine Klassifizierung der Menschheit in Gruppen erlaubt. Auch vermeintliche 'Stammbäume' gibt es nicht. Es gibt nur das Individuum."

Im Erbgut ist die Geschichte der Vorfahren des einzelnen Menschen enthalten. Sykes: "Die moderne Genforschung schaut zumeist nach Vorn. Doch unsere Gene kommen nicht aus dem 'Blauen'. Sie geben Auskunft über unsere Vergangenheit."

Chronologie

Für die Besiedelung Europas durch Homo sapiens sapiens aus Afrika - also den modernen Menschen - lässt sich auf Grund der bisherigen Ergebnisse laut dem britischen Experten folgender Zeitablauf erkennen: "70 Prozent der Menschen stammen von Einwanderern ab, die vor 15.000 bis 20.000 Jahren nach Europa kamen. Mit der Entstehung der Landwirtschaft vor rund 8.500 Jahren kamen weitere 15 bis 20 Prozent hinzu. Der kleine Rest kam mit einer Wanderung vor rund 50.000 Jahren nach Europa."

Letztere Gruppe unserer Vorfahren waren jene Menschen, die noch parallel zum Neandertaler (vor 200.000 bis vor 30.000 Jahren) in Europa lebten. Sykes: "Mit ihnen gab es keine genetische Vermischung."

Thor Heyerdahl lag falsch

Sykes hat auch eindeutig die These von Thor Heyerdahl widerlegen können, wonach eventuell Menschen aus Amerika vor rund 3.000 Jahren über den Pazifik bis nach Polynesien gekommen seien. Sykes: "Heyerdahl lag falsch. Die Frauen der Bevölkerung auf den Cook-Inseln kamen in zwei Wanderungswellen nach Polynesien: die meisten von ihnen aus Taiwan, eine weitere Gruppe aus Papua Neuguinea. Die Männer kamen ebenfalls zu zwei Dritteln aus Südostasien und zu einem Drittel aus Europa. Das waren die Seemänner, Walfänger etc."

Sex, Liebe, Überleben durch Nachkommenschaft - sie kannten bei den Menschen nie Grenzen zwischen Völkern. Das stellte sich laut dem britischen Fachmann auch bei der angeblich so homogenen und von den Wikingern abstammenden Bevölkerung Islands heraus.

Sykes: "Island wurde um 900 von den Wikingern, also Skandinaviern (Norwegern etc.) kolonisiert. Die meisten Frauen aber kamen aus Schottland, also aus einer gälischen Bevölkerung. 60 Prozent der Frauen in Island kamen ursprünglich aus Schottland, am häufigsten von den Orkney-Inseln."

War alles gar nicht so spektakulär ...

Bevor jemand sagenhafte Romantizismen vom "Raub der Sabinerinnen" zur angeblichen Sicherstellung der Nachkommenschaft durch die (männlichen) Wikinger strapaziert, hat der britische Fachmann eine ganz normale Erklärung: "Die Wikinger kamen von Skandinavien zunächst nach Schottland, lebten dort einige Generationen und nahmen ihre Familien und ihre Frauen dann weiter nach Island mit."

Deshalb kann es auch nicht die nicht existierende "genetische Homogenität" der Isländer, sein, die das dort arbeitende Unternehmen DeCode für die Identifizierung von krank machenden Erbanlagen ausnützt. Anthony Brookes, Genetiker an der Universität Edinburgh: "Die Isländer sind nicht genetisch einheitlich. Der große Vorteil liegt in ihren exzellenten Daten über ihre Abstammung und ihre Verwandtschaftsverhältnisse." (APA)

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