Israel setzt Vergeltungsangriffe gegen Palästinenser fort

19. Mai 2001, 15:37
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Internationale Kritik an Luftangriffen - Palästinenser fordern Rache - Weltweite Krisendiplomatie

Ramallah/Gaza/Kairo - Ungeachtet scharfer internationaler Kritik hat Israel am Samstag seine massiven Luftangriffe auf Ziele in palästinensischen Städten im Westjordanland fortgesetzt. Etwa 30 Palästinenser wurden verletzt, als israelische Kampfflugzeuge und -hubschrauber Raketen auf Gebäude der palästinensischen Polizei und der Eliteeinheit "Force 17" in Jenin und Tulkarem abfeuerten. Mit 20 Todesopfern, davon zwölf Palästinenser, hatte die Gewalt zwischen beiden Konfliktparteien am Freitag einen neuen Höhepunkt erreicht. Auf beiden Seiten gab es bei dem neuen Ausbruch der Gewalt mehr als 100 Verletzte. International mehrten sich die Rufe nach einem sofortigen Stopp der Kampfhandlungen.

Im Gaza-Streifen, Nablus und bei Dschenin im nördlichen Westjordanland erschossen israelische Soldaten am Samstag erneut drei Palästinenser. Nahe dem Karni-Grenzübergang östlich von Gaza wurde ein Bauer auf einem Feld tödlich von israelischen Geschoßen getroffen. Am Eingang eines Dorfes bei Jenin starb ein Mitglied von "Force 17" bei einem Feuergefecht mit israelischen Soldaten. In Nablus wurde ein 18-jähriger Palästinenser erschossen. Die Stadt Khan Yunis im Gaza-streifen belegte Israel am Samstag mit schwerem Artilleriefeuer. Palästinensische Rebellen feuerten erneut Mörsergranaten auf die jüdische Siedlung Gadid im Gaza-streifen.

Am Freitagabend hatte Israel mit den bisher schwersten Luftangriffen auf palästinensische Orte auf den blutigen Selbstmordanschlag eines palästinensischen Extremisten in Netanya, bei dem sechs Israelis ihr Leben verloren, und die Tötung eines israelischen Armeeoffiziers bei Ramallah reagiert. Allein in Nablus starben elf Palästinenser, die unter den Trümmern eines Polizeihauptquartiers begraben wurden, das auch als Gefängnis diente.

Die Opfer waren nach Medienberichten Polizisten, die auf Demonstrationen eingesetzt werden, um für Ordnung zu sorgen. Keiner von ihnen sei an Angriffen auf israelische Ziele beteiligt gewesen, hieß es. Ein weiteres Opfer war ein Häftling, der für ein kriminelles Vergehen einsaß. Bei den Luftangriffen auf Ramallah wurde ein Mitglied der "Force 17" getötet.

Arafat:"Standhaft bleiben"

Die Palästinenser wollen nach den Worten von Palästinenser-Präsident Yasser Arafat "standhaft bleiben" und sich nicht durch israelische Luftangriffe einschüchtern lassen. Die israelischen Angriffe der letzten 24 Stunden bedeuteten eine weitere Eskalation der Gewalt, sagte Arafat am Samstag vor Beginn eines Sondertreffens der Arabischen Liga. Die Palästinenser hielten am Samstag einen Generalstreik ein, um gegen die Luftangriffe zu protestieren und ihre Trauer für die Toten auszudrücken.

An der Beisetzung der elf Opfer von Nablus, dem bisher größten Begräbnis im Westjordanland, nahmen etwa 100.000 Palästinenser teil. In Sprechchören forderten sie Rache und riefen zum Marsch auf Jerusalem auf. Erstmals seit dem Nahost-Krieg von 1967 setzte das israelische Militär seit Freitag Kampfflugzeuge gegen palästinensische Ziele ein. Israels Kabinettsminister Danny Naveh sagte, sein Land werde nicht zögern, die Flugzeuge erneut in die palästinensischen Gebiete zu schicken.

Die internationale Kritik an den Militäraktionen Israels wächst. Der neue Generalsekretär der Arabischen Liga, Amr Mussa, forderte eine internationale Intervention zum Schutz der Palästinenser vor israelischen Angriffen, "um das organisierte Töten von Zivilisten zu beenden", sagte er bei der Dringlichkeitssitzung der Außenminister der Liga. Es sei ein Skandal, dass Israel nun Kampfflugzeuge gegen die wehrlose palästinensische Bevölkerung einsetze. Ziel der Regierung von Ariel Sharon, die F 16-Flugzeuge gegen Unschuldige einsetze, sei es offenbar, die Palästinenser "auszulöschen".

UNO-Generalsekretär Kofi Annan zeigte sich tief beunruhigt über die nach seiner Ansicht unangemessene israelische Reaktion. Er verurteile jede Art von Terrorismus, aber die israelischen Vergeltungsschläge würden die Bitterkeit bei den Palästinensern nur noch verstärken. Auch das russische Außenamt verurteilte die Angriffe. Israel und Palästina sollten umgehend Schritte zur Entspannung der Situation einleiten, hieß es in einer am Samstag veröffentlichten Erklärung. Der russische Präsident Wladimir Putin telefonierte mit Sharon. Ägyptens Präsident Hosni Mubarak telephonierte mit US-Präsident George Bush und dem deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder. (APA/dpa/AP)

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