Alcatel will Lucent schlucken

18. Mai 2001, 19:30
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Der französische Telekomausrüster will den US-Rivalen als Tor zum US-Markt

Paris - Alcatel will weder bestätigen noch dementieren, was die New York Times gestern in ihrer Onlineausgabe unter Berufung auf Verhandlungskreise vermeldete: Der französische Telekom- und Internetausrüster (Marktwert 39,5 Mrd. Dollar) soll an der verschuldeten Netzwerkausrüsterin Lucent Technologies (33,5 Mrd. Dollar) interessiert sein. Die Vorgespräche befänden sich in "fortgeschrittenem Stadium" und seien an einem "kritischen Punkt" angelangt. Nächste Woche soll der Entscheid über die Fusionsverhandlungen fallen.

Geplant sei ein vorwiegender Aktientausch, der zu einer Parität von 50 zu 50 führen dürfte. Alcatel will Lucent für 40 Mrd. Dollar (45,5 Mrd. Euro/625 Mrd. S) übernehmen, meint "NYT". Die Lucent-Aktien würden dabei einen Aufschlag von 20 Prozent erfahren. Sie befanden sich nach Bekanntwerden des Zeitungsberichtes im Auftrieb.

Das Alcatel-Papier büßte an der Pariser Börse hingegen vorerst bis zu fünf Prozent ein. Viele Marktbeobachter zweifeln, ob Alcatel sich mit einer solchen Megaübernahme nicht schlicht übernehme.

Alcatel-Chef Serge Tchuruk versucht seit längerem mit kleineren Übernahmen, in den USA Fuß zu fassen. Lucent erscheint ihm derzeit doppelt geeignet: Das von Graham Bell im 19. Jahrhundert gegründete Hightech-Unternehmen würde das Tor zum wichtigen US-Markt weit öffnen und Alcatel Zugriff auf das Forschungszentrum Bell Labs (1996 von AT & T übernommen) verleihen. Außerdem stellt Lucent derzeit einen Gelegenheitskauf dar. Der US-Konzern verlor 2000 über 80 Prozent an Börsenwert und stößt verzweifelt unrentable - zur Schuldenminderung auch rentable - Geschäftszweige wie etwa die Chip-Produktion ab. Nachdem Lucent im Herbst mit Henry Schacht schon einen neuen Firmenchef erhalten hatte, trat diesen Monat Finanzdirektorin Deborah C. Hopkins ab. (Stefan Brändle, DER STANDARD, Printausgabe 19.5.2001)

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