Die Anatomie der Angst

17. Mai 2001, 20:41
posten

Altlast der Evolution: Emotionale Zustände lassen sich nur schwer steuern

New York - Rund die Hälfte aller psychischen Störungen sind nach Erkenntnissen der amerikanischen Gesundheitsbehörde mit Angst verbunden - von der Phobie über die Zwangsneurose bis zur Panikattacke. Warum diese emotionalen Zustände so schwer unter Kontrolle zu bringen sind, haben jüngste Untersuchungen über die Angst bei Ratten verständlicher gemacht und damit neue Wege der Therapie eröffnet.

Obwohl Menschen und Ratten unterschiedliche Dinge fürchten, reagieren ihre Gehirne und Körper bei Gefahr sehr ähnlich. Der Kern des Angstsystems liegt bei beiden in der "Amygdala" (Mandel), einer Gehirnregion, die Informationen von allen Sinnesorganen empfängt und ihrerseits verschiedene Netzwerke steuert, die für ein schneller schlagendes Herz, feuchte Hände, einen Flattermagen, Muskelanspannungen oder Hormonschübe sorgen - lauter Anzeichen für Angst, die beim Organismus lebenserhaltende Schutzmaßnahmen auslösen sollen.

Die Amygdala einer Ratte etwa bewirkt dies beim Anblick einer Katze oder bei mit Katzen verbundenen Geräuschen und Gerüchen. Ähnlich geht es Reptilien und Vögeln. Untersuchungen an Menschen, deren Amygdala infolge neurologischer Erkrankungen oder chirurgischer Eingriffe in ihrer Funktion gestört ist, zeigen, dass auch unser Gehirn so arbeitet. Es hat offenbar schon in sehr frühen Evolutionsstadien, vielleicht schon zur Zeit der Dinosaurier, gelernt, sich zu vernetzen, um Gefahr für Leib und Leben abzuwenden.

Zwei Angstsysteme

Doch offensichtlich ist dies nicht die ganze Geschichte: Sobald das Angstsystem des Menschen nämlich eine Gefahr erkannt hat, beginnt das Gehirn erst einmal abzuwägen, was eigentlich vor sich geht und welche Reaktion angebracht ist. Genau in dieser Zeitspanne entsteht die Angst. Um sich dieser Angst bewusst werden zu können, muss ein Organismus über ein entsprechend komplexes Gehirn verfügen. Ob auch Tiere eine Art Angstbewusstsein besitzen, ist ungeklärt. Da das Angstsystem evolutionär gesehen jedenfalls sehr alt ist, wurde es mit ziemlicher Sicherheit bereits entwickelt, bevor sich irgendjemand der Angst bewusst werden konnte. Es sitzt also sehr tief. Will man den Angstgefühlen auf die Schliche kommen, muss man sich also mehr mit diesen tief liegenden neuronalen Systemen beschäftigen als mit den äußeren Symptomen.

Eine grundlegende Entdeckung in diesem Zusammenhang war, dass das Gehirn mehrere Gedächtnissysteme besitzt. Bei Angsterinnerungen sind vor allem zwei Systeme wichtig: die Amygdala und der Hippocampus. Ihre Rolle lässt sich leicht an folgendem Beispiel illustrieren: Kehrt ein Mensch an einen Unfallort zurück, bekommt er von der - unbewusst - in der Amygdala gespeicherten Erinnerung an das Geschehen Magenflattern. Gleichzeitig denkt der Hippocampus - bewusst - noch einmal detailliert über den Unfallhergang nach. Aber trotz allen Denkens ist das Angstgefühl nur schwer zu steuern.

Warum das so ist, haben nun Neurologen herausgefunden: Die Amygdala ist mit dem denkenden Gehirn, dem Neokortex, asymmetrisch verbunden: Die Verbindungen vom Kortex zur Amygdala sind um einiges schwächer als die von der Amygdala zum Kortex. Kein Wunder also, dass es schwer ist, ein einmal erregtes Angstgefühl willentlich abzuschalten. Verständlich auch, dass sich Psychotherapeuten oft jahrelang mühen, bei ihren Klienten Kognition und Emotion in Einklang zu bringen.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe 18. 5. 2001)

Von Joseph E. Le Doux

Joseph E. Le Doux ist Professor für Neurologie und Psychologie am Center for Neural Science an der New York University.

© Project Syndicate 2001
Share if you care.