So zugig kann Geschichte sein

19. Mai 2001, 03:52
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Den "Mythos Mercedes" beschwört der prestigeträchtige Hersteller anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums. Das bedeutet monatelangen Großeinsatz für die "Classic"-Abteilung des Hauses.

Das Getriebe kracht und kreischt, dass du meinst, gleich fliegen dir die Zahnräder um die Ohren. Dann reißt und ruckelt es, dass du fast hinten rauskippst. Immerhin: Die Limousine, Mercedes 15/ 70/100 PS von 1924, bewegt sich, sie fährt. Und du denkst: So also war das mit der Auto-Mobilität zu Opas Zeiten. Anlass für den bemerkenswerten technikhistorischen Anschauungsunterricht war eine Oldtimerausfahrt in den Welzheimer Wald, hinter Stuttgart. Die wiederum gehörte zum Jubiläumsjahr "100 Jahre Mercedes: The story of passion". Im engeren Sinn ging es aber darum, den "Mythos Mercedes" zu erfahren.

Ausgerichtet werden Veranstaltungen dieser Art von der "Classic"-Abteilung. Ihr untersteht nicht nur das Mercedes-Museum, sondern, unter anderem, auch das Classic-Center und eine Sammlung von rund 550 historischen Fahrzeugen. Pläne für ein repräsentatives neues Museum, bedauert "Classic"-Mann Josef Ernst, seien wegen der Chrysler-Krise zurückgestellt, momentan gebe es kein Geld dafür. Leider, denn das jetzige Museum genüge den Ansprüchen längst nicht mehr. "Dafür", so Ernst, "ist unser Internetauftritt am Puls der Zeit"

Hinter den Schauräumen im Classic-Center werden antike Rennautos auf Einsätze à la Mille Miglia vorbereitet, aber auch vergammelte Pretiosen werden von den Spezialisten wieder in Stand gesetzt. Dazu zählt die eingangs erwähnte Limousine, eines der vier Autos für den besagten Oldtimer-Trip (die anderen durften wir selber fahren).

Die 5,2 Meter lange Karosse ist geschichtsträchtig. Nicht nur, weil sie König Ferdinand von Bulgarien gehörte, ehe sie in den Kriegswirren zurück nach Deutschland kam. Diese Autogeneration läutete auch die Kompressor-Ära im Motorenbau ein. Chefkonstrukteur dieses Werkls, das normal 75, bei Zuschalten des Kompressors (dann pfeift's ordentlich) 100 PS leistet, war Ferdinand Porsche, der damals noch "beim Daimler schaffte".

Das Getriebe, um zum Entrée zurückzukehren, habe 80 Jahre überstanden, die Geräuschkulisse gehöre dazu, sagt Roland Schmidt. Der Mann mit dem interessanten Bart chauffiert, und das kann sonst kaum jemand, fachgerecht nämlich. Wenn er am massiven Holzlenkrad dreht, gehört nackte Gewalt dazu. Servo ist nicht, und den 2,7-Tonnen-Koloss - ohne- zu bewegen, bedeutet Schwerstarbeit.

Ihm war's deshalb warm trotz Kurzarmhemd, hinten fror sich der STANDARD-Emissär einen ab. Das Fetzendachl schützte nämlich nur mäßig vor dem Regen, der Wind pfiff durch wie in einem Vogelhäusl, und der Presse-Kollege vertschüsste sich schon bald in den wohlig-warmen 300 SE von 1964, genannt "Heckflosse". Also aussitzen. So zugig kann Geschichte sein.
www.mercedes-benz.com

Andreas Stockinger ließ sich in einer der Legenden aus der Zeit zwischen den Kriegen chauffieren. Andere durfte er selbst bewegen

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