Drei Särge und ein Opernhuhn

17. Mai 2001, 20:02
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"Gute Miene böses Spiel" im Odeon

Wien - Verdammt, es bleibt alles beim Alten! Sollte uns dereinst Manitu zu sich holen, wird sich, das wissen wir nun, nichts geändert haben, wird es bei den Schlafstörungen bleiben, denn auch Tote haben Albträume. Man verdankt diese Erkenntnis zum einen den Festwochen, da sie die Oper Gute Miene böses Spiel von den Schwetzinger Festspielen ins Odeon holten.

Man verdankt sie dann aber vor allem dem Autorenduo Thomas Körner (Libretto) und Karl-Wieland Kurz (Musik), das sich eine Todesoper ausgedacht hat. Das war es aber auch schon mit der Dankbarkeit, bei einem konsequenten Abend der Leichenblässe. Der Tod steht dem geschminkten Klangforum gut (Dirigent Alexander Wintersohn), wirkt auch bei den drei Erzählergreisen (Johann Leutgeb, Walter Raffeiner und John Sweeney) nicht schlecht, die in Särgen schlafen oder uns auffordern, uns vorzustellen, wir seien tot. Und auch dem Tod selbst steht er ganz gut, einem Mann mit schwarzem Gesicht.

Zur Geschichte: Der Held Clindor (solide Christian Voigt), welcher das Sterben seines Vaters spielt, bittet nach dem Ableben den Tod um Erlaubnis, weiter auf Erden herumgehen zu dürfen. Doch was dann als Leben nach dem Vatertod aussieht, entpuppt sich eben als Albtraum eines Toten. Bis es so weit ist, darf Clindor in drei Szenen (Freudenhaus der Jugend, Tollhaus der Gegenwart und Leichenhaus der Zukunft) sein Leben aber in morbiden Bildern von zerzauster Rokoko-Aura nachspielen.

Auf einer zerrissenen Guckkastenbühne sieht man eine schräge, dreieckige Plattform, auf der sich alles abspielt. Das sind schön-bizarre Bilder (Birgit Angele). Und auch der Regie von Peter Oskarson kann man kaum einen Vorwurf machen: Präzise und bewusst die Personenführung, es taumeln die Figuren zwischen Entsetzen und morbidem Hedonismus. Surreale, wahnwitzige Momente. Skurrile Sekunden (gar ein großes Huhn hatte einen Aufritt).

Doch seltsamerweise bleibt die Sache monolithisch und trostlos, womit wir bei der Musik wären. Sie ist irgendwie auch tot, aber ihr steht die Leichenblässe nicht gut. Sie erstarrt in der Repetition abgegriffener Gesten der klassischen Avantgarde. Perkussiver Einsatz von Streichern, ein Changieren zwischen kurzen, stotternden Gesten, atmosphärischen Momenten und Elektroniksounds.

Den Rest besorgen die unauratischen vokalen Linien: kein Flair in den blassen Koloraturen, mit denen die Atemlosen sich durch den Abend quälen müssen. So verwundert es nicht, dass das Publikum alles als Abschiedssymphonie verstand und sich zahlreich vorzeitig davonmachte. Die Verbliebenen konnten sich kaum zu Applaus aufraffen und begaben sich danach wohl auf die Suche nach der verlorenen Zeit.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 5. 2001)

Von
Ljubisa Tosic

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