Der Opern-Bauer Christian Ofenbauer

21. Mai 2001, 00:38
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Kurz vor der Uraufführung von "SzenePenthesilea..." im STANDARD-Gespräch

Am 27. Mai wird Christian Ofenbauers im Auftrag der Wiener Festwochen entstandenes Musiktheater "SzenePenthesileaEinTraum(1999-2000)" im Theater an der Wien uraufgeführt. Peter Vujica sprach mit dem Komponisten über die Kunst - und das Leben.


Wien - Wenn Christian Ofenbauer komponiert, fühlt er sich am Leben und muss nicht erst lange über dessen Sinn nachdenken. Ließe er sich darauf ein, müsste der 40-Jährige ja notgedrungen über den Sinn seiner kompositorischen Arbeit (die er bei Friedrich Cerha erlernte) nachdenken. Mit durchschnittlich zwei Aufführungen im Jahr führen diesbezügliche Reflexionen begreiflicherweise zu eher betrüblichen Ergebnissen ("Wenn mir an Aufführungen etwas läge, hätte ich mich schon längst aufhängen müssen!").

Also besser komponieren als nachdenken. Und wenn sich Ofenbauer mitunter gegen den Ansturm von Sinnfragen mit der Einnahme einiger Bierchen oder eines Viertels wehrt, tut er dies gelassen in aller Öffentlichkeit und sieht, wie er nicht unkokett feststellt, keinerlei Anlass, als anonymer Komponist auch noch die Anonymen Alkoholiker zu "joinen". Wenn der gebürtige Grazer, der in Kärnten aufgewachsen ist, zwar nur wirklich lebt, wenn er komponiert, heißt das natürlich nicht, dass er vom Komponieren lebt.

Der elegante Armani-Anzug, das Boss-Leibchen darunter und auch die kubanischen Zigarren, die er präferiert, wollen bezahlt sein. Dazu unterweist er an der Wiener Musikuniversität künftige Orchestermusiker in Formenanalyse, Gehörbildung und Satzlehre. Und hofft dabei (überwiegend vergeblich), er könnte sie für die Musik der Gegenwart begeistern.

Und wenn er im Herbst am Salzburger Mozarteum seine Professur in Harmonielehre und Kontrapunkt antritt, dürfen seine künftigen Zöglinge sich von den Harmonien, die Ofenbauer sie lehren wird, nicht allzu viel Wohllaut erwarten. Denn Musik und alles, was mit dieser zusammenhängt, wurzelt im stillen und auch offenen Protest, der in seinen Kindertagen gegen die Wohlklangstrunkenheit seines Elternhauses aufkeimte, ausbrach und offenbar bis heute noch nicht zum Stillstand gekommen ist.

Ofenbauer hat in all seinen Komponistenjahren noch keinen einzigen harmonischen Dreiklang geschrieben. Privates wurde also stilbildend und ist es bis heute geblieben. Denn komponieren bedeutet für Ofenbauer nicht nur nicht denken oder einfach überleben, sondern Lebensbewältigung, Fortschritt, persönlich wie künstlerisch. Aus Leben wird Kunst. In diese Kunst packt Ofenbauer so viel aus seinem Leben wie möglich. Diesbezüglich ist ihm alles recht. Sogar sein Lebensalter. Je älter der Komponist, desto länger die Werke.

Wonnen der Routine

Wenn man auf die 40 zurückt, darf man also schon seine zweite Oper schreiben. Und Opern schreibt Opern-Bauer Ofenbauer überhaupt am liebsten. An ihnen schreibt er mehrere Jahre. Und mehrere Jahre über das, was man tut, nicht nachdenken zu müssen, das ist schon viel wert. Da weiß Ofenbauer wenigstens schon am frühen Morgen, was er zu tun hat. Also um acht Uhr an den Schreibtisch, auf dem schon das Notenblatt wartet, und nach guter alter Meisterart den Bleistift zur Hand und dann von einer Note zur nächsten. Zur Ablenkung darf da ruhig der Fernseher laufen. Dann fühlt sich Ofenbauer in seiner Schaffenseinsamkeit nämlich nicht so schrecklich allein.

Wenn es heikel wird und man zarte Klangschleier webt, kann man ja auch weghören. Was da entsteht, ist dann ein gestochen geschriebenes Partiturblatt, das der Verlag Doblinger, ohne einen Kopisten zu bemühen, vervielfältigen kann. Bei aller Sauberkeit erinnern die schmalen Noten mit ihren hohen Hälsen an dünne Risse und Kerben, die Unversehrtes versehren. An Bruchlinien, Schmerzspuren. Es ist der ungewollte, doch nicht weniger schlüssige Verweis auf das Schmerzliche, was Ofenbauer unter dem Titelmonster SzenePenthesileaEinTraum(1999-2000) aus sich heraus- und in Noten und Text hineingearbeitet hat.

Nicht mehr und nicht weniger als eine in kaltem Feuer stilistischer und formaler Zucht objektivierte, subjektive Variante der thematisch hochaktuellen Kleistschen Penthesilea. Ofenbauer folgt weitgehend Kleist. Jedoch nicht in Form einer auskomponierten Literaturoper. Vielmehr begnügt er sich mit wenigen signifikanten Textzitaten, in denen die Problematik des Werkes durch Wiederholungen omnipräsent gemacht wird: Achilles liebt die Emanze Penthesilea und hofft, dass sie ihn als Gemahl akzeptiert, wenn sie ihn als Kriegsgegner geschlagen hat.

Also ist Achilles bereit, in eine Schlacht zu ziehen, um diese zu verlieren. Doch Penthesilea begnügt sich nicht mit dem Sieg, sondern tötet Achilles und lässt ihn von ihren Hunden zerfleischen.

Erst am Schluss greift Ofenbauer verändernd ein und lässt Penthesilea nicht sterben, sondern ihre Gräueltat auf unendlich moderne Weise verdrängen. Wie man überhaupt sagen könnte, dass Ofenbauer gegen das Verdrängen ankomponiert: "Es muss etwas zur Sprache gebracht werden, das zugedeckt ist!" Und dies selbst dann, wenn die eigentliche Sprache durch die Sprache der Musik zugedeckt wird.

Ofenbauer sieht die Worte seines Textes "wie in Bernstein erstarrte Insekten". So glatt wie Bernstein ist Ofenbauers Musik natürlich bei weitem nicht. Ihre Grundstruktur bilden zwei Akkordtrauben, die sich aus den musikalisch verwertbaren Buchstaben seines Namens und Heinrich von Kleists ableiten lassen. In überwiegend harten Intervallen verifiziert Ofenbauer die Schmerzlichkeit der Beziehungen zwischen den Bühnengestalten.

Wenn so viel Schmerz in der Kunst ist, braucht man nach dem im Leben nicht mehr zu fragen. Trotzdem liefert Ofenbauer auch dafür die lakonische Antwort: "Wem es nicht gefällt, der hat mich verstanden!"
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 5. 2001)

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