Hass-Sprache in Südosteuropa

17. Mai 2001, 13:54
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Vergleichsstudie der Geschichtslehrbücher angefertigt

Belgrad - Schwarzweißmalerei und Hass-Sprache scheinen nach wie vor in Geschichtslehrbüchern der meisten der elf südosteuropäischen Staaten vorzuherrschen. Das Zentrum für Demokratie und Versöhnung in Südosteuropa, eine internationale nichtstaatliche Organisation (NGO) mit Sitz in Saloniki, hat unter Mitwirkung von Historikern aus aller Welt eine Vergleichsstudie der Geschichtslehrbücher angefertigt. Erfasst wurden nicht nur die ex-jugoslawischen Staaten, sondern auch Ungarn, Rumänien, Bulgarien, die Türkei und Zypern.

Das jugoslawische Mitglied der Historikergruppe, Dubravka Stojanovic von der Belgrader philosophischen Fakultät, bezeichnete gegenüber der Wochenzeitschrift "Vreme" die Ergebnisse der Arbeitsgruppe für Geschichte als "Besorgnis erregend" bezeichnet. "Die Wir-Seite ist immer historisch korrekt, hat nie jemandem Übel zugefügt, keine Eroberungskriege geführt, wollte sich immer von fremden Herrschern befreien, ist mutig, würdevoll, hat Gerechtigkeitssinn...." Durch Lehrbücher würden Generationen von Schülern weiterhin belehrt, dass das Übel systematisch von der anderen Seite kommt.

Gefahr

"Diese Teilung zwischen uns und den anderen kann im konkreten politischen Verhalten gefährlich werden, das konnten wir in den letzten zehn Jahren sehen: die Botschaft hieß, dass wir nie Gebietsansprüche hatten, nie Eroberungskriege führten und zum Opfer eines der benachbarten Völker geworden sind. Dadurch wird die Opfermentalität gebildet, die an sich nicht gut ist, da sie im Grunde die Mentalität des auserlesenen Volkes entstehen lässt", meint Stojanovic.

Wie unterschiedlich die Geschichte gedeutet wird, kommt ihrer Ansicht nach am interessantesten in den Balkankriegen (1912-1913) zum Ausdruck. Während sie in den türkischen Geschichtsbüchern fast ein Tabuthema mit der Erläuterung sind, dass es sich im Grunde um die Aktivität britischer Nachrichtendienste, welche die Balkankriege gegen das Osmanische Reich anspornen wollten, gehandelt habe, wurden sie in Serbien als Befreiungskriege erlebt. In Albanien werden die Balkankriege wiederum als nationale Katastrophe bezeichnet. "Wenn man die serbische und die albanische Geschichtsauffassung konfrontiert, kann man leichter auch die Gefühle verstehen, die im aktuellen Konflikt eingesetzt werden", meint Stojanovic.

Wirklich gute Lehrbücher nur in Slowenien

Die einheitliche Analyse der Geschichtsbücher hat laut "Vreme" gezeigt, dass es nur in Slowenien wirklich gute Lehrbücher gibt, die in jeder Hinsicht die zeitgenössischen europäischen Normen erfüllen. In Kroatien, wo das Bildungsministerium nach der staatlichen Verselbstständigung Lehrpläne und Bücher vorgeschrieben hatte, die streng eingehalten werden mussten, gibt es inzwischen mehrere alternative Lehrbücher. Eines davon wurde von Geschichtsprofessoren an der Zagreber philosophischen Fakultät verfasst.

In Bosnien-Herzegowina ist die Situation laut der Zeitschrift am schlimmsten: jede Volksgruppe hat eigene Geschichtslehrbücher - die kroatische Volksgemeinschaft hat sich die (schlimmsten) Lehrbücher der Ära Tudjman genommen. Sie bekamen ein Ebenbild in den Lehrbüchern im bosnisch-serbischen Landesteil. Die moslemische Volksgemeinschaft fertigte eigene Lehrbücher an. (APA)

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