Brasilianische Warteschleife

22. Mai 2001, 18:27
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Die Nordostküste Brasiliens kokettiert mit dem Tourismus. Mit mäßigem Erfolg. Das Paradies wird daher prolongiert

Geraldo hat diesmal zehn Flaschen Cachaça-Zuckerrohrschnaps im Urlaubsgepäck, dazu reichlich Cola, Bier, zwei Bratpfannen, ein paar Kilo Reis und Bohnen, drei Tische, zehn Stühle und eine große Hängematte. Der Mann aus Fortaleza macht diesmal Urlaub in einer leer stehenden Bar. Eine Bar in bester Lage - am Strand Praia do Uruau, 120 km südlich seiner Heimatstadt.

Als die "Bar do Magal" noch zahlende Gäste hatte, war Geraldo häufig unter ihnen - hier feierte und tanzte er zu Livemusik, hier am Strand hat er auch seine Frau kennen gelernt. Seit fünf Jahren ist die Strandbar geschlossen: zu wenig Gäste, der Laden leer geräumt, das Haus Wind und Wetter ausgeliefert, der Besitzer weggezogen. Ein Paradies unter Palmen im Verfall.

Viel los ist an den endlosen Sandstränden des brasilianischen Bundesstaates Ceara nicht

Es verirren sich kaum Touristen an die goldgelben Küsten mit den staubzuckerfeinen Dünen an der Nordostküste Brasiliens. In Morro Branco gibt es ein paar gut gehende Beachbars, weil dort an den Wochenenden die Städter zum Feiern hinfahren, in Praia das Fontes zwei Hotels, an der Praia do Diogo nur noch ein paar Fischerboote im Sand. Je weiter man nach Süden kommt, desto einsamer wird der Traumstrand.

Brasilien ohne Rio-Rummel, ohne nennenswerte Kriminalität. Österreichern ist die Region, insbesondere Fortaleza, seit der Affäre Rosenstingl ein Begriff. Zur Urlaubsdestination für Österreicher ist die Gegend dennoch nicht geworden.

Dabei hätte es mit Tourismus im großen Stil in Ceara schon fast geklappt, doch im letzten Moment verlief alles im endlosen Sand. 1998 sollten erstmals Charterflüge aus dem deutschsprachigen Raum Urlauber nach Fortaleza bringen. Knapp zehn Stunden hätte der Nonstop-Flug gedauert - ungefähr so lange wie in die Karibik. Hotels auf 300 Küstenkilometern waren bereits unter Vertrag genommen, um den erwarteten Besucheransturm bewältigen zu können. Beachbar-Betreiber, Buggyfahrer, Pferdeverleiher - alle warteten auf die Fremden. Sie warten immer noch, das Charterprojekt liegt auf Eis. Die wenigen, die kommen, nehmen einen Linienflug und den Umweg über Lissabon.

Geraldo hofft, dass doch ein bisschen mehr anreisen, hat er doch "seine" Bar do Magal samt Terrasse gepachtet - für drei Wochen. Werbung hat er keine gemacht, nur die breite Hängematte gespannt, sich mit seiner Frau hineingelegt und auf Gäste gewartet. Am ersten Tag kamen zwei, am zweiten schon drei. Nach einer Woche hat er elf Portionen gebratenen Fisch mit Reis und Bohnen für jeweils 3,50 Reais verkauft - umgerechnet knapp 30 Schilling, dazu ein paar "Antarctica"-Bier, eine Kiste Cola. Eine Flasche Cachaça hat er selber getrunken. Sollte das Geschäft in den nächsten 14 Tagen doch noch in Schwung kommen, will er herziehen, für immer hierbleiben und seinen Traum zwischen Strand, Hängematte und Herd leben. Klappt es nicht, wird er die Bar im nächsten Urlaub wieder mieten.

Die Küstenstraße CE 40 verläuft kilometerweit im Hinterland, ist schmal, holprig, aber dennoch eine Lastwagen-Rennstrecke. Die Stichstraßen zu den Orten am Meer sind sandig und oft nicht mal ausgeschildert. Wer sie fährt, wird an ihrem Ende mit Alltag belohnt, mit Gastfreundschaft - und eben mit perfekten Stränden.

Die kleinen Fischerorte an der Küste von Ceara kommen ohne Häfen aus

Die flachen Jangada-Boote werden wie Flöße an den Strand gezogen und von dort aus über Baumstämme wieder ins Wasser gerollt, die Segel zwischenzeitlich nicht einmal eingeholt. Kaum eines ist ohne Werbung: mal für Autoversicherer, meistens für eine Zementfirma, manchmal für Reifenhersteller. Diese Sponsoren kaufen den Fischern das Tuch, um sich einmal im Jahr bei der großen Jangada-Regatta vor Fortaleza allgegenwärtig ins rechte Bild zu rücken. Im Rest des Jahres ist die Werbung sinnlos, weil ungesehen. Drei Tage sind die Fischer mit ihren Nussschalen draußen im Südatlantik. Cristiano und sein Boot "Polar" gehören zu ihnen. Nach der Rückkehr verkauft er die Ausbeute der Fangfahrt direkt am Strand, ans nächste Lokal - diesmal zwei Dutzend rosa schillernde Doraden und zwei große Rochen.

Vor ein paar Monaten hat Cristiano sich als Nachtwächter ein paar Reais hinzuverdient. Damals hat der landesweite Fernsehsender Teleglobo hinter den Dünen der Praia dos Anjos am Ortsrand vier Wochen lang die brasilianische Variante von "Big Brother" aufgenommen. Der Titel: "No Limite". Die Kandidaten waren wohlbeleibte Großstädter, die in der kargen Dünenwelt einzig mit dem zurechtkommen mussten, was die Natur hergibt. Sie schliefen unter Palmen, wohnten unter einem großen Cashewbaum. Streichhölzer zum Feuermachen, Angelausrüstung oder ein Fischernetz mussten sie sich erst verdienen, indem sie komplizierte Aufgaben in der Wildnis lösten. Allabendlich fieberte die TV-Nation halb mit, halb spottete sie. Keiner der Kandidaten schaffte es bis Barra do Sucatinga, keiner ahnte, dass sich zwei Kilometer hinter den Dünen das Fischerdorf verbirgt und der Wirt abends Rochen in Kokossoße serviert. Cristiano hielt die Fans vom "No Limite"-Gelände fern.

Die Buggyfahrer kommen nur selten bis Barra

Sie düsen auf der Suche nach potenziellen, zahlenden Mitfahrern über den Strand bei Praia das Fontes. Wer zusteigt, kann mit ihnen im Rennwagen-Tempo über die Dünen schaukeln. Fündig werden sie fast nur in den Hochsaison-Monaten Dezember, Jänner und Juli. Dabei ist das Wetter das ganze Jahr gleich - im Tagesschnitt über 25 Grad, meistens Sonne, nur im August stürmischer. Odualdo ist Buggyfahrer, als cooler Beach-Rennfahrer nimmt er nur zum Schlafengehen die Sonnenbrille ab. "Das Spannende für mich", erzählt er irgendwann, "ist gar nicht das Fahren, sondern das Kennenlernen der Menschen von anderswo."

Wenn Sonne, Beach-Buggies und Wochenend-Tagesbesucher aus Fortaleza wieder verschwunden sind, der Himmel aber noch nicht ganz dunkel ist, dann verwandeln Einheimische manchen Strandabschnitt in ein Fußballfeld. Und wenn die Dribbelkünstler gerade aufs gegnerische Tor zusteuern, dann unterbricht sogar der weiße Beach-Buggy der Polizei mit Blinklicht auf dem Holm seine spätnachmittägliche Patrouillenfahrt am Strand, ehe er das Spielfeld kreuzt.

Geraldo hat diesen Abend die Speisekarte seiner Miet-Beachbar erweitert. Die Fischer von Uruau haben Krabben mitgebracht. Er serviert die frittierten Camarão mit einem Dip aus Kokosmilch, Koriander und Zwiebeln - ein Rezept seiner Schwiegermutter.

Sechs Gäste kommen diesen Abend, und zusammen trinken sie eine Flasche Cachaça. Mund-zu-Mund-Propaganda. Vielleicht wird es doch noch was mit dem Geschäft im Paradies. (Von Helge Sobik)

Infos: Arbeitsgemeinschaft Lateinamerika, Domenecker Str.19, D-74219 Möckmühl,
Tel.0049/6298 / 929 277. Flug mit TAP Air Portugal zur Zeit zweimal wöchentlich via Lissabon nach Fortaleza.

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