Bewegte Realitäten - das Audi-Museum Ingolstadt als mobile Immobilie

24. Mai 2001, 01:07
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Sind Automobile Kunst? Verlangen sie nach einem Museum, in dem ihre Selbstbewegtheit zwangsläufig leerläuft? Muss ein Museum aussehen wie ein Museum? Schläft es nachts und altert dabei still vor sich hin?

August Horch muss ein glücklicher Mensch gewesen sein, ein beneidenswerter Tüftler und Techniker, zumindest am Beginn des utopieverliebten 20. Jahrhunderts. Vielleicht aber auch nur eine jener im Grunde genommen bemitleidenswerten, sich in preußisch-akkurater Pflichterfüllung erschöpfenden Übervaterfiguren des zurückliegenden Zeitalters - einer Epoche umfassender Mobilisierung und Massenmotorisierung, die sich auf der Standspur virtueller Datenautobahnen inzwischen selbst überholt hat.

Denn August Horch, sagenumwobener Gründer und Namensstifter des erst nach dem eigentlichen westdeutschen Wirtschaftswunder zu weltumspannender Macht gelangten Automobilkonzerns Audi (ist Latein und heißt bekanntlich "horch") soll, und so will es die werkseigene Saga vom Vorsprung durch Technik, auf alles eine Antwort gekannt haben.

Sind Automobile Kunst? Verlangen sie nach einem Museum, in dem ihre Selbstbewegtheit zwangsläufig leerläuft? Muss ein Museum aussehen wie ein Museum? Schläft es nachts und altert dabei still vor sich hin? Und: Gerät der permanente Fortschritt dabei ins Stocken?

102 jahre ...

Exakt 102 Jahre nach Gründung der August Horch Werke Köln und einer engstens mit der gesamtdeutschen Geschichte verwobenen Firmenhistorie sind von den absolut gesetzten Antworten und Gewissheiten der tollkühnen Männer in ihren noch gemütlich vor sich hin rollenden Kisten lediglich rhetorisch in Szene gesetzte Understatements und nach außen hin offene Fragen geblieben. Fragen, die das neu eröffnete Audi-eigene "museum mobile" in Ingolstadt eben nur noch von den unablässig zirkulierenden Rändern fahrender Wände, des rotierenden Sonnenschutzes und eines alle Geschosse verbindenden Paternosters, bestückt mit ungesehenen Prototypen von den Anfängen bis in die nahe Zukunft, herstellen kann.

Mögliche Antworten aber werden - wohltuender Weise - an die Objekte des Begehrens selbst weitergegeben, in diesem Fall sind das rund 50 akribisch ausgewählte Exponate aus der weit verzweigten Firmengeschichte nebst ihren einsitzigen Brüdern und zweirädrigen Schwestern.

"The car is the star", ist denn auch eine der unumstößlichen Prämissen des Konzepts der Münchner Designagentur KMS, deren 13-Punkte-Programm nicht nur die in jeder Hin-, An- und Durchsicht konsequent anmutende, transparente Rundgestalt des Museums als eine Art scheibengebremstes Guggenheim umfasst, sondern von der entwaffnend zum Angreifen verlockenden Präsentation und Inszenierung bis in die Namensgebung reicht: Wie die sich räumlich verzahnenden Ms des Logos nicht nur von den wohlweislich kleingeschriebenen Ansprüchen auf die Eleganz britischer Nobelkarossen mit dem urbayerisch rollenden Doppel-R erzählen, dabei längst verblichene Hollywoodmythen im Vorbeirauschen zitieren, so tragen sie eine mitteleuropäische, zu bestimmten Zeiten weltbestimmende Geschichte der Mobilität als mobil machende, sozial verbindende Plastik in sich.

Das "museum mobile" rekonstruiert diese, an Anekdoten und Episoden nicht arme Geschichte der 1932 zur Auto Union zusammengeschlossenen Marken Audi, DKW, Horch und Wanderer.

Was das Museum an den einladend geöffneten Werktoren gegenüber...

...ähnlichen Erlebniswelten des wild wuchernd boomenden Industrietourismus auszeichnet, ist eine beinahe wissenschaftlich-nüchterne, augenblicklich nachvollziehbare und daher besucherfreundliche und exponatengerechte Rückschau auf ein ganzes Jahrhundert. Kaum hatten die motorgetriebenen Seifenkisten das schwungradgetriebene Laufen gelernt, da trennte die Weltwirtschaftskrise die Spreu vom Weizen. Einen Leckerbissen der Designgeschichte markiert sicher der erst jetzt wieder nach Film-und Fotovorlagen rekonstruierte "Avus", der unüberbietbare Endpunkt eines stromlinienförmigen, in den Wind geschriebenen und ins Nichts sowjetischer Reparationen entschwundenen Futurismus. Wo gerade noch die deutschen Silberpfeile - der Begriff musste später an Mercedes Benz abgetreten werden - ihre Geschwindigkeitsrekorde pulverisierenden Runden zogen, da kommt die Farbe Silber im Material des Aluminium Space Frame aus dem Jahr 1993 selbst zur Sprache. Bahnbrechend, das sind heute die Alltäglichkeit eines Drei-Liter-Autos oder Weltrekorde in abstrakt anmutenden Luftwiderstands-Werten.

Dem zu gläserner Transparenz vorangetriebenen Modell der Baumscheibe,...

...das der Gestaltung des "museum mobile" zugrunde liegt und auf vier übereinander gestellten, symbolträchtigen Ringgalerien den streckenweise von (Absatz-)Krisen geschüttelten, dann wieder von Vorsprüngen durch neue Technologien beschleunigten Fortschritt thematisiert, ist nichts zu gering: weder die fiktiven, Jahrzehnte im Zeitraffer überbrückenden Gespräche zwischen Leitfiguren aus der firmeninternen Forschung und Technik, weder die Inszenierung der doch eher im ersten Gang anlaufenden Nachkriegsmobilisierung, verbunden mit ersten Abstechern nach Bella Italia und da schon in schnittigeren Gefährten, noch die Erinnerung an die Ikone der 60er-Jahre, den sportlichen NSU TT. Wer es noch genauer wissen will, dem gewähren hochgezüchtete Scanner einen subkutanen, hightechgesteuerten Blick in die allerheiligsten Eingeweide eines Motorblocks.

Ob das nun alles mit Kunst, selbst in einem radikal erweiterten Sinn, zu tun hat, hätte nicht nur August Horch mit einem unzweideutigen Jein beantwortet. Was die Einmaligkeit betrifft, bleibt zumindest keine Frage offen. Jährlich verlassen zwar über 650.000 Fahrzeuge die Werkshallen von Audi, aber nach rund 6000 von zahllosen Industrierobotern gesetzten Schweißpunkten und der Endmontage mit bis zu 12.000 Komponenten gleichen sich dann doch nur durchschnittlich zwei Audi-Modelle bis auf das in die hintere Armlehne integrierte Mobiltelefon. Von dessen Nummer einmal abgesehen, und vom Kennzeichen natürlich.
Stephan Maier

--> Ansichtssache

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"museum mobile" im Audi Forum Ingolstadt
D 85045 Ingolstadt Info Tel. 0049 / 841 / 89-0,
Fax 0049 / 841 / 8936167 museummobile.de
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