Memphis Blues?

24. Mai 2001, 01:07
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Spontan, spielerisch, bunt: Das ist Memphis Design, gegründet 1980 in Mailand rund um Impresario Ettore Sottsass. Einen Rückblick auf das Antifunktionalismus-Bollwerk liefert Doris Krumpl

Dreieckige Plastikuhren, die zu asymmetrischen Ohrring-Ungetümen passten und die sich nicht in den schwarz glänzenden Leggings verhingen. Meine Güte, waren das schöne Zeiten, als man die schönen neuen Museumsbauten bewunderte, die wie Schwammerln aus dem gut durchsubventionierten Boden schossen. Eine wahre Freude, diese Ansammlung von Erkern, Spitztürmchen, Kreisen und Dreiecken, die sich in einem Gebäude versammeln konnten.

Und sogar heute kennt man noch einige Architekten, die sich das ausgedacht hatten. Es war die Mode, es waren die 80er. Unzählige lernten von Las Vegas. Die Postmoderne warf ihre geometrischen Schatten auf das Land, und sie gebar die der Architektur ebenbürtige Meublage, die unter dem Namen Memphis-Design in die Geschichte eingehen und verdammt noch einmal dort auf ewig ruhen sollte. Und dann gibt es aber so Leute wie die von der Galerie Klaus Engelhorn, die diese Dinge wieder ausgraben. Schließlich sind die 80er-Jahre zumindest 2001 sowieso der letzte (Verzweiflungs-)Schrei in der Mode.

Mit Faszination (manche mit der Faszination des Grauens) blickt die Generation 2001 auf das, was die Väter und Mütter der 80er im Design-Studio und auf dem Laufsteg zeigten. Ist Memphis-Design alt genug, um mit dem gnädigen Blick der Historie gewürdigt zu werden, oder zu jung für die stilistische Läuterung? Alt genug, sagt die Galerie Klaus Engelhorn trotzig und gibt ein Potpourri zum Besten.

Unsereins mag ja beim Stichwort Memphis mit Schmelz im Blick an den King denken.

Memphis Blues

Aber Bob Dylans Memphis Blues lief bezeichnenderweise, so die Fama, gerade im Radio, als sich 1980 in Mailand Ettore Sottsass und Konsorten (Matteo Thun, Barbara Radice, Michele de Lucchi) schon etwas erfrischt verschworen, dem seit ihrer Jugend ewig gepredigten Funktionalismus den Kampf anzusagen. Die Kampfanzüge spielten in den Farben "United Colors of Jogginganzüge" (Kombination von Pink, Lila, Blaugrün), verbanden teure Materialien frech mit billigen Laminaten, dem Memphis-Stoff der Träume schlechthin. Die Gruppierung Studio Alchimia hatte diesen antirationalistischen Tendenzen bereits den Boden geebnet.

Also Farbe, Spielerei, Spontanität, Jux und Schnickschnack, statt alldem, was vorher und nachher schwer in Mode war, der Funktionalismus, der Minimalismus. Und nun kommt wieder die Gegenbewegung. Dieser Vorreiter, ein Paradebeispiel dafür, sollte Memphis sein, auf das der alte Herr Sottsass noch heute stolz ist - auf seine lippenstiftrote, poppige Valentine, die Schreibmaschine für Olivetti (1969) ist er es nämlich nicht mehr.

Sämtliche Designanthologien räumen der Memphis-Bewegung,...

...von der sich Sottsass 1988 verabschiedete, ihren in dem Sinn revolutionären Charakter an. Nicht umsonst entstand das in Materialfülle schwelgende Memphis in der Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs. Vielleicht fehlt zu diesen Arbeiten noch etwas Distanz, in Zeiten, wo jedes Möbelhaus drittklassige Massenware als "Design" anbietet und die Chichi-Verkitschung des Alltags von Alessi so erfolgreich propagiert wurde.

Bei Engelhorn findet sich Sottsass' Bücherregal Carlton, das, obschon symmetrisch, gezählte zwölf Farben (Laminatsockel nicht inbegriffen) aufweist oder Colorado, die Teekanne, die aussieht wie eine im Weltraum verloren gegangene Mir auf LSD. Aber - und das macht das Ganze rundum sympathisch - auch "Metamemphis".

Eine aus der "bildenden Kunst", zum Teil sogar aus der Documenta 8 kommende Richtung, die mit armen Materialien Memphis eine ironische Überhöhung gab. Meta-geil! Da bastelte Lawrence Weiner absurde Stühle oder Franz West simple Lampen aus Ketten und bloßen Glühbirnen. Michelangelo Pistolettos Beitrag ist als ironischer Kommentar zur damals aufkommenden Designerschwemme zu lesen: tutti designers schreibt er auf einen Alukoffer, der wellige Wand-Neonbeleuchtung speist. Metamemphis ist das Kontrastmittel für den Memphis-Magen - und gemeinsam sind sie stark.


Ausstellung bei: KlausEngelhorn22 contemporary design, 1010 Wien,
Stubenring 22,
Tel. 01 / 512 7940-22,
Galerie Engelhorn
Eröffnung: Dienstag, 22. Mai, 19 Uhr, bis 6. Juli
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