Zehntausende könnten durch Tests gerettet werden

17. Mai 2001, 12:42
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Hoffnung auf schnellere Medikament-Entwicklung

Wien - "Das neue Leukämie-Medikament STI-571 ("Glivec") ist ungeheuer wichtig. Es ist der erste Beweis für das Prinzip, dass wir heute aus der Grundlagen-Genforschung hoch wirksame Krebsmedikamente entwickeln können. Das dauerte in diesem Fall 40 Jahre. In Zukunft wird das viel, viel schneller gehen. Das bedeutet Hoffnung." - Dies erklärte am Donnerstag beim 10. Internationalen Humangenetikkongress im Austria Center Vienna der US-Spezialist Albert de la Chapelle (Ohio State University).

Die Fortschritte in der Typisierung von Krebstumoren, in der Aufhellung der genetischen Grundlagen und deren Umsetzung für Diagnose und Therapie standen Donnerstag Vormittag im Mittelpunkt von Plenarvorträgen und einer Pressekonferenz bei dem Kongress.

In den USA ist vor wenigen Tagen mit STI-571 das weltweit erste Krebsmedikament zugelassen worden, das auf wirklich rationaler Basis entwickelt wurde. Bis zu 90 Prozent der Patienten mit chronisch myeloischer Leukämie - das sind 15 bis 25 Prozent der Leukämie-Fälle bei Erwachsenen - reagieren auf die tägliche Einnahme einer einzigen Tablette mit einer Normalisierung des Blutbildes.

Keine endgültige Antwort

De la Chapelle: "Die Entdeckung von 'neuen Genen' verursacht bei den Menschen regelmäßig große Hoffnungen. Man glaubt, eine solche Entdeckung könnte die endgültige Antwort auf offene Fragen sein. Das ist meistens nicht der Fall. Doch das Beispiel der chronisch myeloischen Leukämie ist das schlagende positive Beispiel. 1960 wurde das dafür typische 'Philadelphia-Chromosom' entdeckt. 1973 bewies (die US-Expertin) Janet Rowley, dass es sich dabei um eine Translokation von Chromosom-Teilen handelt."

Aus dem Austausch von Erbsubstanz-Anteilen zwischen zwei Chromosomen im Genom von weißen Blutkörperchen entsteht dadurch ein "neues" Gen, das für die Produktion des Fusions-Proteins BCL-ABL verantwortlich ist. Dieser Eiweißstoff funktioniert als hoch wirksames Enyzm (Tyrosin-Kinase), das die weißen Blutkörperchen mit dem "Philadelphia-Chromosom" in die ständige Teilung treibt.

Wissenschafter des Schweizer Pharmakonzerns Ciba-Geigy (mittlerweile mit der ehemaligen Sandoz zu Novartis verschmolzen) entwickelten schließlich - die Entdeckung wurde 1993 gemacht - mit STI-571 ein kleines Molekül, das ganz exakt die BCL-ABL-Tyrosin-Kinase blockiert. Derzeit wird das Arzneimittel wegen seiner ebenfalls festgestellten Wirkung auf weitere Ziele bei Krebszellen auch bei zusätzlichen Tumorerkrankungen erprobt.

Es funktioniert

Der US-Wissenschafter: "Heute haben wir das Jahr 2001. Es dauerte also 40 Jahre. Aber die Sache funktioniert. Wir brauchen Grundlangenforschung, klinische Forschung und pharmazeutische Industrie. Es besteht die große Hoffnung, dass das Alles in Zukunft viel schneller ablaufen wird."

Dazu auch Janet Rowley (Chicago): "'Glivec' (STI-571, Anm.) ist wirklich ein 'Wunder-Arzneimittel'. Doch die Entwicklung geht weiter. In zehn Jahren werden wir jeden neuen Leukämie-Patienten exakt auf die bei ihm vorliegenden genetischen Veränderungen testen und auch angeben können, welche Ziele wir bei ihm mit Arzneimitteln anvisieren sollten."

Zehntausende retten

"In den industrialisierten Ländern könnten pro Jahr rund 30.000 Menschenleben gerettet werden, wenn alle Dickdarm-Krebs-Patienten auf das Vorliegen bestimmter Formen der Erkrankung getestet würden. Unter den Angehörigen von Betroffenen könnten allein in den USA pro Jahr rund 21.000 Dickdarmkrebs-Erkrankungen verhindert werden. Für Europa müsste man diese Zahl etwa verdoppeln", erklärte der US-Spezialist Albert de la Chapelle von der staatlichen Universität des US-Bundesstaates Ohio (Columbus) am Donnerstag beim Internationalen Humangenetik-Kongress in Wien.

Der Experte: "Üblicherweise verwenden wir genetische Tests bei direkt vererbbaren auftretenden Krebserkrankungen. Das sind aber nur wenige Fälle. Für die häufigsten Tumorerkrankungen gibt es bisher nur wenige Gen-Marker. So zum Beispiel für vererbbare Brustkrebs-Erkrankungen mit den BRCA-1 und BRCA-2-Genen. In den USA erkranken pro Jahr rund 180.000 Frauen an einem Mammakarzinom." Für Lungen- und Prostatakarzinome existieren derzeit noch keine verwendbaren genetischen Charakteristika.

Viel wäre zu erreichen

Doch beim Dickdarmkrebs (Kolonkarzinom) könnte sich eine Änderung einstellen. De la Chapelle: "Das sind immerhin 140.000 Neuerkrankungen pro Jahr in den USA. 75 Prozent der Fälle treten 'sporadisch' (ohne familiäre genetische Belastung, Anm.) auf." Doch unter den restlichen 25 Prozent wäre mit Gentests viel zu erreichen.

Der US-Spezialist: "Hier geht es um erblichen Dickdarmkrebs, der nicht aus einer Veranlagung zur Bildung von vielen (zunächst gutartigen, Anm.) Polypen im Darm beginnt. Durch eine einfache Untersuchung könnten wir zunächst aus den 140.000 Dickdarmkrebs-Patienten pro Jahr in den USA jene zu erwartenden 16.800 herausfiltern, die möglicherweise die familiär bedingte Veranlagung für diese Form der Erkrankung haben. Aus den 16.800 ließen sich dann per Gentest die 4.200 wirklich Betroffenen herausfiltern."

Das hätte enorme Konsequenzen. De la Chapelle: "Bei den 4.200 Patienten mit Dickdarmkrebs und dem erblichen Risiko müsste man den ganzen Dickdarm entfernen. Diese Menschen haben nämlich auch nach einer erfolgten Operation ein enormes Risiko, einen Rückfall zu erleiden. Doch man müsste dann auch die Angehörigen untersuchen. Bei jedem Patienten würden wir unter seinen Familienmitgliedern - besonders bei den Kindern und Geschwistern - wahrscheinlich fünf weiter Menschen mit dieser Veranlagung entdeckten. Fast 100 Prozent von ihnen werden in ihrem Leben an Dickdarmkrebs erkranken." (APA)

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