In hilfloser Liebe zu Österreich

20. Mai 2001, 19:41
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Frederic Morton nimmt die Wiener Ehrenmedaille in Gold entgegen

Wien - "Es ist für mich direkt symbolisch, dass es das Wort Heimat nicht auf Englisch, wohl aber auf Deutsch gibt." Frederic Morton, dessen literarisches Werk von einem deutschen Kritiker vor einigen Jahren treffend als "Heimatsuche mit verschiedenen Figuren" charakterisiert wurde, schreibt englisch, "aber worüber ich schreibe, das sind meine österreichischen Wurzeln". Im Fundament seiner Literatur ist auf diese Weise die Heimatlosigkeit angelegt: "Mein Zuhause ist das Emigrantentum."

1924 in Wien geboren, bis zum 14. Lebensjahr in Hernals aufgewachsen, wurde das Schicksal des Fritz Mandelbaum vom Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Hitler-Deutschland geprägt. Der Familie gelang die Flucht in die USA, wo der Vater, im Dezember 1996 in Florida verstorben, wegen der antisemitischen Haltung der Gewerkschaft den Namen Morton annahm. Aus Fritz wurde Fred, den sein erster Verleger schließlich zum Frederic machte.

Schreibt er autobiografisch, spielt ein Päckchen Mannerschnitten eine Rolle, auf dem er das Bild des Stephansdoms in die Fremde mitnahm. Es wird zum Symbol der Fremde, zu der ihm seine Geburtsstadt geworden war. Eine Fremde, die ihn jetzt, 76-jährig, wieder heimatlich umgarnt. Frederic Morton wird heute, Montag, mit der Goldenen Ehrenmedaille der Stadt Wien geehrt.

Ende gut, alles gut? "So einfach geht das nicht. Ich bin über die Ehrung sehr erfreut. Aber ich bin auch Repräsentant einer ganzen Emigrantengeneration. Die können nicht alle mit ausgezeichnet werden. Und dann: Was geschehen ist, ist geschehen. In den 30er-Jahren. Und das Wien von heute ist ganz anders. Aber es gibt immer noch Leute, die so ähnliche Gefühle hegen wie damals. Es richtet sich vielleicht nicht speziell gegen Juden, sondern gegen Ausländer im Allgemeinen. Die Leute fühlen sich bedroht, was objektiv natürlich vollkommen falsch, in gewissem Sinn aber sogar verständlich ist. Dieses Gefühl der Bedrohung wird dann von einer Partei wie der FPÖ ausgenützt und politisch verzerrt. Weshalb eine Ungutheit bleibt, mit der die Stadt noch zu kämpfen hat. Und weshalb man eben leider nicht sagen kann: Ende gut, alles gut."

Zögerte Frederic Morton, die Ehrung anzunehmen? "Ich werde in Amerika oft befragt über Österreich. Man fragt mich, was ich zu den letzten Nationalratswahlen sage, zu den Blauen in der Regierung. Ich antworte, dass ich trotzdem nicht alle Hoffnung für Österreich aufgegeben habe. Ich kann gar nicht sagen, jetzt ist Schluss, mit diesem Land hab' ich nichts mehr zu tun. Diese nostalgische, hilflose Liebe des Emigranten zu seinem Vaterland lebt nun einmal in mir. Sie ist wahrscheinlich genauso stark wie der Patriotismus derer, die hier leben."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 5. 2001)

Von
Michael Cerha

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