Wo die Aufarbeitung der NS-Zeit fehlt

18. Mai 2001, 22:17
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US-Historiker sieht große Lücken in Österreich

Wien - Große Lücken bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung der NS-Zeit in Österreich ortet der US-Historiker Evan Burr Bukey (University of Arkansas). Im Zug seiner Forschungen sei er auf viele noch offene Fragen gestoßen, erklärte der Wissenschafter, der derzeit auf Wien-Besuch ist, im Interview. So werde dieser Tage etwa viel von den "Frauen im Nationalsozialismus" geredet. Es gebe bisher aber keine Studie über den "Bund deutscher Mädchen" (BDM) in Österreich. Ebenso fehle eine Darstellung der "Hitlerjugend" (HJ) in der ehemaligen "Ostmark".

Rund 1,2 Millionen Österreicher hätten in der deutschen Wehrmacht gedient. Über ihre Rolle sei lediglich in einigen Artikeln nachzulesen. Demnach seien Österreicher durchaus auch an wichtigen Hebeln gesessen. Bukey nannte als Beispiel Lothar Rendulic, ein oberer Heerführer Adolf Hitlers, dem nachgesagt wird, besonders brutal gewesen zu sein. Hier fehle eine umfassende Studie.

Weiters mangle es an Datenmaterial zur unmittelbaren Mitwirkung von Österreichern am Holocaust. Stets kolportiert werde, dass Österreicher für 40 Prozent des Holocausts die Verantwortung zu tragen hätten. Exakte Belege gebe es aber bisher keine.

Kein Geheimnis in Deutschland

Immer noch nicht geklärt sei auch, ob und ab wann die Bevölkerung von der systematischen Vernichtung der Juden gewusst habe. In Deutschland gebe es viele Zeugenberichte, die belegen, dass daraus kein großes Geheimnis gemacht worden sei. Bereits für das Jahr 1939 würden entsprechende Bericht vorliegen. Für Österreich seien ihm dagegen solche Zeugenaussagen bisher noch nicht untergekommen. Man müsse also klären, ob die Österreicher nur verschwiegener als die Deutschen gewesen seien oder ob sie erst viel später davon erfahren hätten.

Mager sehe es im Bereich der Biografien aus. So gebe es etwa keine umfassenden Lebensbeschreibungen der Gauleiter. "Franz Hofer, August Eigruber, Siegfried Uiberreither - sie alle mögen brutal und grausam gewesen sein, trotzdem waren sie interessante Figuren, die über viel Macht verfügten", sagte Bukey.

Entwicklung der NSDAP in Österreich fehle

Gänzlich fehle es an einer Geschichte der "angeschlossenen Verbände". Und die Entwicklung der NSDAP in Österreich sei zwar für die Zeit vor 1938 breitest abgehandelt worden, für die Jahre 1938 bis 1945 fehle aber eine Darstellung.

Ob er sich selbst mit einem dieser Themen auseinander setzen werde, ließ der US-Historiker Evan Burr Bukey offen. Er habe sich hinsichtlich seiner nächsten Forschungsarbeit noch zu nichts entschlossen. Bukey ist Autor der Studie "Hitlers Österreich", die dieses Frühjahr in deutscher Sprache veröffentlicht wurde. Darin kommt der Historiker zu dem Schluss, dass die Unterstützung des nationalsozialistischen Regimes in Österreich vor allem auf drei Säulen ruhte: auf dem Antisemitismus, auf der Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung und auf der "emotionalen Verbundenheit zu Großdeutschland". (APA)

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    Schoa-Mahnmal zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

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