Medienkrieg in Frankreich um "Big Brother"-Sendung eskaliert

18. Mai 2001, 16:49
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Medienrat der Regierung trat zu einer Sondersitzung zusammen

In Frankreich hat die Container-Show "Big Brother" einen Medienkrieg entfacht, der immer schärfere Formen annimmt. Seit dem Start der "Loft Story" am 26. April hat der Privatsender M6 immer neue Zuschauerrekorde gemeldet - bis zu 7,7 Millionen in der vergangenen Woche. Die Konkurrenz sorgt sich wegen dieses enormen Zulaufs inzwischen um ihre Werbeeinnahmen.

Einsatz von Tränengas

Die französische Presse höhnt über den "Triumph des Voyeurismus" und stellt fest: "Loft Story" spaltet die Nation. Militante Gegner der Reality Show versammelten sich vor dem Loft-Haus. Nur mit Tränengas konnte eine Stürmung des Platten-Hauses auf einem Studio-Gelände in der Nähe von Paris verhindert werden.

Der M6-Konkurrent, der größte französische Privatsender TF1, verbirgt seinen Ärger hinter der Sorge um das Niveau. TF1-Chef Patrick Le Lay warf den M6-Machern den Einstieg in das "Müll- Fernsehen" vor. M6 habe außerdem eine Vereinbarung über die Ablehnung von "Big Brother"-ähnlichen Sendungen verletzt. Mit der Vereinbarung wollten die Sender den Franzosen die Auswüchse derartiger Programme ersparen. Die Vorwürfe Le Lays verwundern, da TF1 eine ähnliche Reality Show "Die Abenteurer von Ko Lanta" im Juni ins Programm heben will.

Sondersitzung des Medienrats

Die Sendung über die 70-Tage-Wohngemeinschaft unter ständiger Kamera-Kontrolle falle mit dem Engagement der vom Bertelsmann-Konzern dominierten RTL Group bei M6 zusammen, meinte Le Lay außerdem. Diesen Vorwurf hat M6 unverzüglich zurückgewiesen. Die Leitung des Senders entscheide in völliger Unabhängigkeit, hieß es.

TF1 braucht sich noch keine Sorgen um zurückgehende Werbeeinnahmen zu machen. Der Umsatz des Senders lag 2000 bei 2,3 Milliarden Euro, drei Mal höher als der Umsatz von M6. Doch die Tendenz in Richtung des erfolgreichen Kleinen erhöht den Druck. Die Privatsender TF1 und M6 sind ebenso wie die öffentlichen Sender France 2 und Arte France über normale terrestrische Antennen zu empfangen, die etwa 80 Prozent der Haushalte erreichen.

Der Aufruhr um die Sendung hat auch den Medienrat der Regierung auf den Plan gerufen. Der trat wegen der Containershow sogar zu einer Sondersitzung zusammen und befand, M6 solle den sechs Männern und fünf Frauen des Platten-Heimes auch tägliche "Ruhepausen" ohne Kameras gönnen - um die Menschenwürde zu wahren.

"Groß rauskommen"

Die völlig von der Außenwelt abgeschnittenen Loft-Insassen kümmern sich hingegen eher um ihre Medienpräsenz. Aziz (28), der als erster hinausgewählt wurde, und die freiwillige Aussteigerin Delphine (22), haben auf dem Filmfestival in Cannes nach neuen Rollen gesucht. Die Hauptmotivation der Loft-Insassen ist ähnlich wie in anderen Ländern, die Silikon-busige Go-Go Tänzerin Loana (23) formulierte es so: Sie ertrage oftmals nur die Langeweile im Loft, weil sie "groß rauskommen" wolle. (APA/dpa)

LINK: Loft Story
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