Der pragmatische Weltverbesserer

17. Mai 2001, 19:07
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Expräsident Bill Clinton verkündet in Wien eine ökosoziale Marktwirtschaft

Bill Clinton enttäuscht nicht. Wenn er eine große, attraktive Blonde in seiner Nähe hat, in diesem Fall Kanzler Schüssels Kabinettschefin, dann zeigt er Reaktion. Mit einem Gesichtsausdruck, der Wow! sagt. Außerdem ist alles wahr, was man über Clintons kommunikative Fähigkeiten gehört und gelesen hat. Nach seinem Vortrag in Wien stellt sich der Expräsident noch für eine Viertelstunde einer Ad-hoc-Runde, bestehend aus ein paar Journalisten, Managern und dem Bundeskanzler. Die berühmte Clinton-Magic wird spürbar: absolute Konzentration auf den jeweiligen Gesprächspartner, Charme und keine Angst, eigene Emotionen zu zeigen. Wenn Clinton über die vergebene Chance für einen Nahost-Frieden spricht, für den er bis zur letzten Minute gekämpft hat, dann arbeitet es in seinem Gesicht, als würde er jeden Moment nasse Augen bekommen. "We had a great deal, but . . ." Und keine falsche Bescheidenheit: "Ich hätte ein Referendum in Israel über den Friedensplan geschafft." Aber Arafat sagte Nein. "Ich glaube nicht, dass er nicht wollte", sagt Clinton. "Er konnte nicht." Aber: "So einen guten Deal werden die Palästinenser nie wieder bekommen. Sie hätten 95 Prozent der besetzten Gebiete zurückbekommen. Jetzt kriegen sie nicht einmal die Hälfte. Bestenfalls." Sharon und Arafat - zwei ziemlich hoffnungslose Fälle, deutet Clinton an. "Natürlich hat Sharon mit seinem Besuch auf dem Tempelberg bewusst provoziert." Aber er, Clinton, hätte an Arafats Stelle psychotherapeutisch gekontert: "Ich hätte Sharon in die Al-Aksa-Moschee geführt und zu ihm gesagt: Jetzt sehen Sie sich einmal an, was uns heilig ist." Statt dessen: Gewalt und Gegengewalt.

Aber: "You can't shoot yourself out of a situation like this." Ein Hauptgrund für die Krise sei, dass die Palästinenser so arm geblieben seien. "Fast zehn Jahre hat nun ihre Führung Zeit gehabt, das Einkommen der Leute anzuheben. Hätte sie das getan, dann gäbe es nicht diese Gewalt."

Das ist Clinton, der pragmatische Weltverbesserer. Auch sein Vortrag in Wien war gekennzeichnet von einem durchgehenden Gedanken: Gegenseitige Vernetzung in der Welt schafft mehr Wohlstand und damit weniger gewalttätige Konflikte. Das würden die Antiglobalisierungsdemonstranten von Seattle und anderswo nicht gerne hören, aber: "Die Entwicklungsländer, die sich dem freien Handel geöffnet haben, weisen doppelt so hohe Wachstumsraten auf."

Clinton sprach in Wien auf Einladung der Finanz-Tageszeitung Wirtschaftsblatt. Sein Publikum: ein paar Hundert Manager und Unternehmer. Sie hörten im etwa 40-minütigen Vortrag und in der Diskussion (die Fragen stellte der Publizist Paul Lendvai, Publikumsfragen waren nicht zugelassen) etwas, was man zusammengefasst mit "ökosoziale Marktwirtschaft" beschreiben könnte. "Die Aufkündigung des Abkommens von Kioto durch die USA hat alles furchtbar kompliziert gemacht. Aber die amerikanische Regierung hat insoferne Recht, als sie darauf drängt, in der Umweltpolitik mehr marktwirtschaftliche Lösungen anzuwenden." - "Es ist ein Unsinn zu behaupten, ein Land wie die USA würde seine Wirtschaft schädigen, wenn es den Ausstoß von Schadstoffen begrenzt." (Genau damit hat George W. Bush die Aufkündigung des Kioto-Abkommens begründet - Anm.) "Die USA machen einen schrecklichen Fehler, wenn sie einen Markt von über einer Billion Dollar in der Umwelttechnik den Europäern überlassen." - "Das Hauptproblem ist, dass so viele Leute, auch die Antiglobalisierer, noch an das Nullsummenspiel glauben. Wenn ich ein größeres Stück vom Kuchen will, dann kann ich es nur auf Kosten meines Nächsten tun. Das ist falsch. Man muss den Kuchen größer machen, und daher brauchen wir Wachstum."

War Clinton sein Honorar (angeblich über zwei Millionen Schilling) wert? Die Seminarteilnehmer erlebten einen Charismatiker erster Ordnung, der auf die typisch amerikanische Weise Megaprobleme pragmatisch angehen will - und sichtbar weiß, wovon er redet. Sie hörten Clintons Lob auf Wolfgang Schüssels entscheidende Rolle bei der Entschädigung für Zwangsarbeit und Arisierung. Sie erlebten einen auch über Details informierten, hoch intelligenten Mann (der beim Besuch in Schloss Schönbrunn mit Kanzler Schüssel erstaunliche Habsburger-Kenntnisse aufwies). Sie erlebten ein absolutes Showtalent. Nach dem Dinner in der Orangerie griff sich Clinton ein Saxophon und spielte 20 Minuten auf. Hingerissen drängten sich die Bosse um Autogramme. Sie erlebten einen uramerikanischen Politiker mit globalem Denken. Sie erlebten einen 55-Jährigen, auch physisch in "Topform" (laut Schüssel, der mit ihm joggen ging), eine Führungspersönlichkeit im Weltformat, derzeit ohne Führungsrolle. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 18. 5. 2001)

Es ist Unsinn zu behaupten, man schädigt die Wirtschaft, wenn man Schadstoffe begrenzt. Aber auch Armut zerstört das Weltklima - wenn die Wälder verschwinden.
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