Akademiepräsident gegen Ökonomisierung

16. Mai 2001, 21:09
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Werner Welzig entzaubert die viel zitierte "Hebelwirkung"

Wien - Vor einer "nachhaltigen Ökonomisierung der Rede über Wissenschaft" und einem "folgenschweren Konflikt zwischen kultureller und wirtschaftlicher Ordnung" warnte der Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), Werner Welzig, am Mittwoch im Rahmen der traditionellen Feierlichen Sitzung der Akademie. Als Gäste waren auch Kardinal Franz König, Altbundespräsident Kurt Waldheim und der Präsident des Verfassungsgerichtshofes, Ludwig Adamovic, anwesend.

Auslöser für Welzigs Kritik war das "Zauberwort Hebelwirkung", das zuerst von Infrastrukturminister Michael Schmid, später von seiner Nachfolgerin Monika Forstinger als forschungspolitische Leitlinie für die Wissenschaft genannt wurde. Die Wissenschaft solle, meinte Schmid, ihre "Forschungsschwerpunkte dort setzen, wo die Hebelwirkung öffentlicher Aufwendungen besonders groß ist, wo zu erwarten ist, dass die Industrie aufspringt".

"Hebelwirkung": Alltagsverstand, Schulwissen, ja selbst das Grimmsche Wörterbuch und der Große Duden standen vor einem Rätsel. Das Zauberwort "Hebelwirkung" erwies sich sogar für den Germanisten und Karl-Kraus-Spezialisten Welzig als semantische Leerstelle. "Es gibt keine ,Hebelwirkung'", lautete das vorläufige Fazit seiner Suche nach der genauen Bedeutung jener "politische Mahnung", die Welzig "in die peinliche Lage versetzte, die Mahnung gar nicht zu verstehen". Im Brockhaus wurde er fündig: "Siehe Wirtschaft".

Natürlich müsse die Wissenschaft das "Wort Hebelwirkung ernst nehmen, auch wenn es vielen von uns zuwider ist" - aber immer unter der Prämisse, dass wirtschaftlicher Nutzen alleine zu wenig sei: "Wissenschaftliche Arbeit hat mehr und anderes zu leisten, als zum Profit beizutragen." Heftiger Applaus der Festgäste für Welzigs Plädoyer wider die totale Ökonomisierung der Wissenschaft: "Unsere Aufgabe ist es, unsere Erde von unserer Erde aus in Bewegung zu setzen." (DER STANDARD, Print-Ausgabe 17. 5. 2001)

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