Chile: Immer mehr Opfer werden gefunden und identifiziert

16. Mai 2001, 20:05
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Mit neuen Methoden versucht man den Tätern von damals auf die Spur zu kommen

Santiago - Tagelang gruben Isabel Reveco und ihre drei Kollegen an einer Stelle, die ihnen Armeeangehörige gezeigt hatten. Hier in Cuesta Barriga, siebzig Kilometer von Santiago entfernt, sollten sieben Menschen von Soldaten beerdigt worden sein. "Wir fanden aber nicht mehr als 200 Knochen", so die Anthropologin. "Das zeigt, dass die Informationen absolut unkorrekt waren, da eine Person allein 206 Knochen hat." Letzte Woche wurde der Mann identifiziert. Er war 45 Jahre alt.

Hohe Dunkelziffer

Seit 1990 wurden 190 Opfer der Militärdiktatur exhumiert und ihnen ihre Identität zurückgegeben. Vergangenes Wochenende wurden in Nordchile 111 Körperteile entdeckt, die vermutlich zu 13 verschwundenen Personen gehören. 1211 Verschwundene sind offiziell registriert, aber nach Schätzungen sind es mindestens hundert mehr. "Sehr viele Verschwundene werden wir nie finden", sagt Reveco und schildert ein anderes Beispiel: Auf dem zentralen Friedhof von Santiago, wo während der Militärdiktatur Dutzende Tote heimlich beerdigt wurden, seien einige Leichen gefunden worden. "Aber während unserer Arbeiten kam jemand in der Nacht und schaffte alle Reste fort."

Vor kurzem wurde das Team der chilenischen Gerichtsmedizin, das Opfer der Militärdiktatur identifizieren soll, auf acht Mitarbeiter aufgestockt. Systematisch graben sie im Auftrag von Richtern wie Juan Guzmán an Orten, wo Ermordete vermutlich begraben wurden. Bei der Identifizierung helfen können Teile von Projektilen oder Kleidungsstücke. Zum Vergleich werden Karteien mit Daten der Verschwundenen dieser Region herangezogen. Im Labor werden die Skelettteile und Zähne untersucht.

DNA-Analysen im Einsatz

Seit kurzem gibt es auch ein Labor für DNA-Analysen. "Wir haben das Ziel, noch heuer eine Datenbank mit genetischen Informationen von Verwandten der Verschwundenen aufzubauen. Das müssen wir rasch machen, da viele Verwandte schon gestorben sind. Viele erinnern sich auch nicht mehr, da inzwischen fast drei Jahrzehnte vorbei sind", so Reveco.

Für die 40-Jährige ist die Arbeit belastend, wenn sie inzwischen auch gelernt hat, damit umzugehen. "Jahrelang konnte ich nicht ruhig bleiben. Erst nach mehreren Jahren habe ich gelernt, das Leben wieder ein bisschen zu genießen." Auch das Scheitern ihrer Ehe führt die allein erziehende Mutter einer halbwüchsigen Tochter darauf zurück, dass sie sich früher von der Arbeit zu sehr vereinnahmen habe lassen.

Geschwister gefoltert

Seit 1989 arbeitet sie in ihrem Fachgebiet, war Teil der zwölfköpfigen forensischen Gruppe der UN, die Menschenrechtsverletzungen in Ländern wie Peru, Kurdistan und Kroatien untersucht hat. Für die Chilenin ist es aber etwas Besonderes, in ihrem Heimatland zu arbeiten: "Es ist anders, weil ich eine besondere Nähe zu Personen habe, die verschwunden sind: Freunde meiner Eltern, Kommilitonen meines älteren Bruders. Meine Schwestern und Brüder wurden festgenommen und gefoltert. Die Erinnerung an alles ist noch frisch."

Gleichzeitig sieht sie Parallelen zu anderen Ländern: "Die Unterdrücker versuchen überall Spuren zu beseitigen, Leichen zu verstecken, damit die Wahrheit nicht ans Tageslicht kommt und keine Gerechtigkeit geübt wird." (DER STANDARD Print-Ausgabe, 17. 5. 2001)

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