Chile: Mühsame Aufarbeitung der Diktatur

17. Mai 2001, 10:19
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Ob es zu einem Prozess gegen Pinochet kommt, ist weiter ungewiss

Santiago/Madrid - Die Aufarbeitung der Militärdiktatur in Chile unter Augusto Pinochet geht weiter, wenn auch nur in kleinen Schritten. Der Richter im Verfahren um Pinochet, Juan Guzmán, hat dem früheren chilenischen Diktator am Mittwoch die erkennungsdienstliche Erfassung erlassen. Damit werden dem Exdiktator weder neue Fingerabdrücke abgenommen noch Bilder für die Verbrecherkartei gemacht. Im STANDARD-Interview hatte Guzmán bereits Vorbehalte erkennen lassen und gemeint, dieses Verfahren sei allgemein "mit der Würde eines Menschen nur schwer in Einklang zu bringen". Stattdessen sollen alte Fotos und Abdrücke verwendet werden.

3200 Ermordete

Die Anwälte Pinochets machten geltend, der 85-Jährige sei für dieses Prozedere wie für das Verfahren insgesamt zu krank. Während Pinochets Diktatur von 1973 bis 1990 sind nach offiziellen Angeben mehr als 3200 Regimegegner ermordet worden und etwa 1200 verschwunden. Alle Versuche, den Exgeneral deshalb vor Gericht zu stellen, sind bisher gescheitert.

Pinochet leidet angeblich unter anderem an Diabetes und Gelenkentzündungen und hatte mehrere leichte Schlaganfälle. Er lässt sich immer wieder im Militärkrankenhaus von Santiago behandeln und besucht bei dieser Gelegenheit häufig die gegenüberliegende "Kirche der Streitkräfte", wo im Kirchenraum die Fahnen der verschiedenen Einheiten hängen.

Auch der spanische Richter Baltasar Garzón, der mit seinem Haftbefehl gegen Pinochet vor zwei Jahren die Ermittlungen ins Rollen gebracht hat, was zu einem Hausarrest des Exdiktators in London führte, gibt nicht auf. Er ließ am Dienstag Pinochets Bankkonten auf den Bermudas sperren. Der Vizegouverneur der britischen Kronkolonie im Atlantik, Tim Gurney, habe dem Antrag Garzóns bereits zugestimmt, berichtet der chilenische Sender Radio Cooperativa. "Die Bitte der spanischen Justiz ist uns vom (britischen) Außenministerium zugeleitet worden", wurde Gurney zitiert. In Erfüllung internationaler Abkommen seien die Guthaben eingefroren worden.

Einer der Verteidiger Pinochets, Rechtsanwalt José Maria Eyzaguire, bestritt, dass sein Mandant Bankkonten auf den Bermudas unterhalte. Dies sei eine Unterstellung, die "Teil einer internationalen Kampagne, um General Pinochet und die (chilenischen) Streitkräfte zu besudeln", sei. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 17. 5. 2001)

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