Gelassenheit eines Felsens

16. Mai 2001, 21:05
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Ray Brown gastierte mit Freunden im Wiener Konzerthaus

Wien - Seit Jahrzehnten steht Ray Brown für jene relaxt swingende Qualität des Bass-spiels, die den Gruppensound erst zu elastischer Kohärenz zusammenschweißt. Als Solist ein Meister melodischer Logik, als Begleiter die personifizierte Sicherheit, verankern seine unerschütterlichen Linien eine Combo erst im Hier und Jetzt. Bass als Basis.

Anlässlich seines bevorstehenden 75ers ließ man ihn nun hochleben - und: Es war ein guter Abend. Dass man die instrumentalen Tugenden Browns indessen mehr erahnen als erlauschen konnte, dies hatte zwei konkrete Ursachen: Zum einen die im Großen Saal einmal mehr unzulänglichen akustischen und tontechnischen Bedingungen. Ray Brown blieb in den Ensemblepassagen beinahe unhörbar, in den Soli war sein satter Ton nur dürr und blechern zu vernehmen.

Der andere Grund war freiwilliger Natur: Der Jubilar verspürt keinerlei Profilierungstrieb. Will heißen: Er begnügte sich damit, wie ein Fels in der Improvisationsbrandung im Hintergrund die Fäden zu ziehen, seinen um sich versammelten Schützlingen - ein bis zwei Generationen jünger - beim Arbeiten zuzuhören. Deren hatte er durchaus vorzügliche ausgewählt: Larry Fuller (Piano) und George Fludas (Drums) ergänzten das Basis-Trio, das auch mit kluger Stückauswahl (von Mona Lisa bis Milestones) gefiel. Dazu gesellten sich drei junge Konservative des aktuellen Jazz. Angenehmerweise gefiel sich Trompeter Nicholas Payton diesmal weniger also sonst als Armstrong-Erbe, er ziselierte virtuos weite Spannungsbögen, bewies technisch-musikalische Reife.

Auch Regina Carter zeigte zwischen kecken Pizzicati und glutvollen Doppelgriffen spannende Momente, allein Bariton Kevin Mahogany wirkte merkwürdig indisponiert. Zum Abschluss überreichte Staatssekretär Franz Morak Ray Brown das Verdienstkreuz für Wissenschaft und Kunst. Es war ein guter Abend, der ein sehr guter hätte werden können.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17. 5. 2001)

Von
A. Felber

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