Mythos mit Kratzern

17. Mai 2001, 13:02
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Debatten und Bücher um François Mitterrand

"Roger, ich habe beschlossen, den Eiffelturm zu schleifen." Die Ankündigung François Mitterrands ließ den Schauspieler Roger Hanin, wie dieser in seinem brandneuen Buch Brief an einen mysteriösen Freund schreibt, ziemlich perplex zurück. Doch der frisch gewählte Staatschef meinte es ernst: Das eiserne Ungetüm sei 1889 nur als "Provisorium" für die Weltausstellung in Paris erstellt worden. Mitterrand hatte das Projekt sogar schon mit seinem Kulturminister Jack Lang besprochen, der seinerseits die altehrwürdige Académie Française abschaffen wollte.

In jenem Mai '81 herrschte in Paris eine ähnliche Aufbruchstimmung wie anno '68. "Changer la vie" (das Leben verändern) hieß die Parole der Linken.

Und heute, zwanzig Jahre später? Mitterrand ist tot, seine präsidiale Bilanz bekannt: allseits geschätzte Pariser Bauten wie die Nationalbibliothek, die Louvre-Pyramide oder die Bastille-Oper, soziale Errungenschaften sowie der Euro, den er Helmut Kohl im Zuge der deutschen Vereinigung abgerungen hatte.

Und François M. - für Machiavelli, wie einige sagen - fasziniert seine Landsleute weiterhin.

Heute "streitet man mehr über den 'Mitterrand von vorher', denjenigen des Kriegs, als dass man den Präsident der Abschaffung der Todesstrafe, der Privatradios, der 39-Stunden-Woche, der fünften Ferienwoche oder der Europäischen Einigung feiert", wie das Wochenmagazin le point den aktuellen Stand der Mitterrand-Debatte in Frankreich resümiert.

Das "Institut François Mitterrand" organisierte am 10. Mai ein großes Fest auf dem Bastille-Platz. Ein Mitterrand-Preis - Ehrenjurymitglied ist Michail Gorbatschow - wird erstmals verliehen; ein Kolloquium widmet sich außerdem der Frage: "Kann Politik das Leben noch verändern?"

Die Nation stellt sich derweil andere Fragen. Zum Beispiel, ob Mitterrand Antisemit war. Der Journalist Georges-Marc Benamou unterstellt dies in seinem neuen Buch Junger Mann, Sie wissen nicht, wovon Sie sprechen. Der präsidiale "Enkel" (wie er sich selber bezeichnet) erklärt zwar einleitend, Mitterrand sei - "mysteriöserweise, und gegen sein Milieu" - dem Antisemitismus nicht erlegen. Dies tut er aber nur, um in extenso auszuführen, wie sehr Mitterrand Vichy - seinen "ersten Flirt" - "geliebt" habe, welche "Zärtlichkeit" er für Pétains Schergen René Bousquet gefühlt und wie oft er sich über die "jüdische Lobby" ausgelassen habe.

Das war zu viel für die Hüter des Mitterrandschen Grals. "François Mitterrand war nicht jener Mann, den Benamou in den Dreck zu ziehen versucht, aus Gründen, die er mit seinem Gewissen selber ausmachen muss. Wenn er eins hat", replizierten sie in einem offiziellen Communiqué. Ebenso geharnischt und herablassend hatte die Mitterrand-Lobby im Januar reagiert, als Sohn Jean-Christophe wegen dunkler Afrika-Waffengeschäfte in Untersuchungshaft - "Geiselnahme", laut Mutter Danielle Mitterrand - kam. Der Mitterrand-Clan schrumpft langsam, und zwar nicht nur, weil der affärenbelastete Exaußenminister Roland Dumas die Präsidentschaft des Mitterrand-Instituts diskret verließ. Allein, der politische Einfluss bleibt groß. Der sozialistische Regierungschef Lionel Jospin, der zu Mitterrand stets eine ambivalente Beziehung hatte, sah sich arg zerzaust, als er 1997 ein "Inventar" der Mitterrand-Ära forderte. Zur 20-Jahr-Feier wird der Premier das Gedenken an den Übervater des Parti Socialiste mit einer Rede wieder pflichtbewusst hochtragen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17. 5. 2001)

Stefan Brändle
aus Paris
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