Das Ausgrenzungsspiel

16. Mai 2001, 22:00
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Luigi Nonos "Intolleranza" bei den Wiener Festwochen

Wien - Das Kinderspiel, eine Schule der Ausgrenzung. "Ene mene muh - und weg bist du!" Unentwegt wird ein Knirps aus dem Kreis herausgewählt, so lange, bis nur einer übrig ist. Später, wenn sie älter werden, wird es vielleicht nicht anders sein. Nur folgenreicher. Ein paar Jahre später: Aus Kinderspiel wird brutales Gruppenritual, die Menschenmassen, die Regisseur Günter Krämer wie einen Solitär auf leerer, dezent ausgeleuchteter Bühne postiert, spuckt dann Menschen aus.

Wollen sie wieder hinein in die Gruppe, gibt's eins auf die Birne. Ene mene muh - und tot bist du! Krämer vermittelt die Geburt der Ausgrenzung als eine "Frühgeburt" der Erziehung. Im kollektiven Spielgedächtnis schlummert die Feindseligkeit als harmlose Regel. Spiel, entlarvt als Vorschule des täglich sich neu aufbäumenden Rassismus. So die Deutung. Ansonsten wird Luigi Nonos Intolleranza hier zu einer Art Ausstellung aktueller Fallbeispiele gesellschaftlicher Inhumanität und Uniformität.

Schulklassen schrumpfen zu entindividualisierten Kinderfabriken, in denen die Kleinen zu Kinderreim-Tipp-Puppen mutieren. Vermummte Schlägertrupps langen mit Baseballschlägern zu und erstarren zu Skulpturen der Gewalt. Das hat nichts Drastisches, ergibt elegant-düstere Bilder, bei denen projizierte Worte und Sätze Teile des Bühnenbildes werden und zu Worttropfen schmelzen.

Etwas platt

Das Individuum, es ist immer am Rande. Dort sinniert es. Mitunter geht der Vorhang runter, Frau und Mann sitzen an der Rampe, Glück nur im Privaten? Das ist so einfach wie eindringlich. Konterkariert wird es durch platt-grelle Szenen. Einmal ziehen Leute mit Schutzanzügen Flüchtlingsleichen aus Containern; dann wieder sieht man Marcus Omofuma geknebelt im Flieger neben Businessleuten erstarrt sitzen. Das ist dann von gewaltiger Banalität. Wer sich mit der Realität anlegt, kann nicht gewinnen.

Luigi Nonos Bekenntnis-und Anklagestück, diese szenische Aktionenfolge mit den Rahmenthemen Bergwerksunglück, Algerienkrieg und Überschwemmung der Poebene vermittelt sich hier am besten durch Abstraktion. Der Zugang zum Konkreten scheint verwehrt, führt nur zur unfreiwillig komischen Imitation medialer Bilder.

Angesichts der Musik wünscht man sich mitunter fast eine konzertante Fassung. Nonos bohrende Intensität zwischen Chor, Orchester und Solist lebt als immerzu konzentrierte Abfolge von suggestiven Eingebungen: bei extrovertierten Stellen ein herabsausendes, scharfes Skalpell aus Tönen, in poetischen Momenten ein feiner Nadelstich unerfüllter Sehnsucht. Musik, autonom und doch eindringlich über den rein musikalischen Sinngehalt hinaus - vor allem natürlich auch dort, wo sie die Protagonisten bis zur Selbstentäußerung treibt (Sidwill Harman als Emigrant, Melanie Walz als Gefährtin und Dalia Schaechter als Frau).

Es ist auch dem Orchester der Kölner Philharmonie unter Jeffrey Tate zu danken, dem die aggressiven Momente allerdings besser gelangen als die introvertierten. Da gebrach es den feinkörnigen Strukturen doch etwas an Präsenz, Unmittelbarkeit und Schärfe. Widerspruch regte sich keiner. Freundlicher Festwochenapplaus. Toleranz für Intolleranza.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17. 5. 2001)

Von
Ljubisa Tosic

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