"Von kitschig bis gemein"

16. Mai 2001, 23:18
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Grazer Gestalterinnen setzen auf unkonventionelles Auslagendesign

Graz - Wenn weiße Federn aus einem Taschengeschäft durch die Innenstadt fliegen. Oder auf Kastanienbäumen kleine Planschbecken wie bunte Früchte hängen. Oder am Schaufenster des Farbenhauses Kaspar Harnisch am Glockenspielplatz Zettel mit "Farbsprüchen zum Mitnehmen" kleben. Und das ganze "Harnisch-Haus" plötzlich schwarz ist. Dann sind zwei umtriebige Damen am Werk, die im Grazer Raum seit einigen Jahren ihre auffallenden Spuren hinterlassen.

Resa Pernthaller und Anita Fuchs gestalten Events und Messen, krempeln für Firmen Auslagen um. Und kümmern sich dabei wenig um die Grenze zwischen Schaufenster und öffentlichem Raum. Denn: "Von kitschig bis gemein" wollen sie sein. "Wir versuchen von dem seelenlosen Zeug wegzukommen, dass etwas unmotiviert in einer Auslage herumsteht", sagt Resa Pernthaller. Zieht tief an der Zigarette. Zupft an der Plastiktulpe, die sie irgendwo aufgegabelt hat: "Wir versuchen auch immer etwas Kritisches zu transportieren."

So haben sie die Umbauphase des traditionsreichen Farbengeschäfts Harnisch, das heute, Donnerstag, wieder eröffnet wird, als kritische Aktion zum allgemeinen Geschäftesterben genützt. Und die Auslagen so dekoriert, als handle es sich um einen Total-Abverkauf. Die gewünschten Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten: "Ah, jetzt sperrt der auch noch zu."

Dabei war, vor Jahren, eigentlich alles anders geplant. Denn die beiden 32-Jährigen sind Quereinsteigerinnen. Hingen Jus-Studium und den Job als Sonderschullehrerin an den Nagel. "Es ist einfach aus Lust am Gestalten passiert." Mittlerweile ist ihre 1996 gegründete Firma "Gestaltung" in Stainz ständig ausgebucht. Entgegen Unkenrufen à la "Frauen schaffen das nicht" heimsten sie zahlreiche Deko-Preise, wie den "Kirov-Preis" (1998) ein.

Ameisen-Draufgabe

Dass der Fulltimejob auch Überraschungen birgt, daran haben sich die beiden schon gewöhnt. So war die integrierte Ameisenkolonie im Deko-Material, Marke "Frische Erde plus Laub" (das sie in einer Sauna trockneten) nicht wirklich Kalkül. Und die rege Tätigkeit der Tierchen im Schaufenster auch nicht. "Oft liegt im Unvorhersehbaren Lebendigkeit", meint Pernthaller doppelsinnig.

Unvorhersehbar waren auch für Anton Primschitz, Geschäftsführer der Harnisch GesmbH manche Reaktionen auf die Arbeit der Gestalterinnen. Das "Harnisch-Haus" hat viele Gemüter in der Innenstadt erregt. Und: "Die Mitarbeiter haben nicht verstanden, warum die Deko vor der Ware steht." Aber dennoch: Das 400 Jahre alte Haus, in dem auch das "Schubert Kino" untergebracht ist, bleibt schwarz wie Pech. Und: Durch den Umbau gibt's zwar keine Extra-Schaufenster mehr. Doch die Damen können nun das ganze Geschäft in Beschlag nehmen, denn, so Primschitz: "Für viele Kunden sind ihre Aktionen zum Fixpunkt geworden."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17. 5. 2001)

Von
Andrea König

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