"Jeder trifft einmal die Wahrheit"

17. Mai 2001, 13:51
posten

Juan Guzman, chilenischer Sonderermittler im Fall Pinochet, im STANDARD- Interview

Im Jahr 1998 nahm Juan Guzmán die ersten elf Strafanzeigen gegen den früheren Diktator Augusto Pinochet entgegen. Er vergrub sich in die Akten, wurde 1999 zum Sonderermittler des Berufungsgerichts in Santiago ernannt, um den aus dem In- und Ausland eingehenden Anzeigen nachzugehen. Nachdem die britische Regierung Pinochet aus gesundheitlichen Gründen in die Heimat ausreisen hatte lassen, erreichte Guzmán die Aufhebung von dessen parlamentarischer Immunität beim Berufungsgericht. Mit seiner Anklage gegen den einst allmächtigen Militärherrscher verlieh der 61-Jährige der Justiz seines Landes neues Ansehen.

Der Standard: Was bedeutet es für Sie, den Fall Pinochet zu verhandeln?

Guzmán: Es ist eine schwere Last wegen der Verbindung des Falles mit den Verletzungen der Menschenrechte eines sehr wichtigen Teiles der chilenischen Bevölkerung. Für mich ist es eine fast übermenschliche Verantwortung.

Der Standard: Kann ein Richter frei handeln, wenn er einen so wichtigen Fall für Chile und das Ausland verhandelt?

Guzmán: Ja, ich habe es geschafft, frei zu arbeiten, außerdem habe ich es immer als normal angesehen, dass Druck ausgeübt wird. Aber letztendlich lassen wir Richter uns nur von unserem eigenen Bewusstsein leiten.

Der Standard: Was halten Sie konkret vom Amnestiegesetz, das dem chilenischen Militär zugute kommt?

Guzmán: Für mich gibt es keine Amnestie bei bestimmten Delikten wie dem Verschwindenlassen von Personen. Ich habe es definiert als permanente Delikte. Man weiß, wann dieses Delikt begangen wurde, aber wenn die verschwundene Person nicht wieder aufgetaucht ist, existiert das Delikt weiterhin und ist damit permanent fortgesetztes Unrecht. Am Anfang habe ich das Amnestiegesetz angewendet, aber danach habe ich Prozesse gegen alle Delikte geleitet, die eine Verletzung der Menschenrechte bedeuten.

Der Standard: Müsste die Frage der Menschenrechte nicht breiter diskutiert werden in Chile?

Guzmán: Ich hätte natürlich gerne, dass die Chilenen wieder ruhig in Frieden miteinander leben können wie früher. Damals gab es auch Chilenen von der einen und der anderen Seite, aber nach einer harten Diskussion haben sie sich umarmt und geküsst. Heute gibt es furchtbaren Hass in Chile, der das Ergebnis davon ist, dass die Reste von sehr vielen Verschwundenen noch immer nicht gefunden sind. Deswegen wird es sehr schwierig sein, einen politischen Schlussstrich zu ziehen. Am Ende wird es doch große Vorbehalte geben. Auch das Generationenproblem wird nur schwer zu lösen sein, wenn kein ehrliches Bedauern von den Tätern geäußert wird. Gleichzeitig sind welche bereit, mit der Justiz zu kooperieren, um die Reste der Verschwundenen zu finden.

Der Standard: Haben viele Chilenen in der Zeit der Militärdiktatur wie auch Österreicher oder Deutsche während der NS- Zeit zur Seite geschaut?

Guzmán: Ja, sicher. Hier bei uns auch, jahrelang gab es Leute, die nichts sehen oder glauben wollten. Heute, mit diesem Prozess, hat man unglaubliche kriminelle Aktionen gegen die Menschenrechte entdeckt. Die chilenische Gesellschaft kann nicht sagen, dass solche Dinge nicht passiert sind.

Der Standard: Haben Sie sich selbst durch die Führung des Prozesses verändert?

Guzmán: Sicher. Um das auf eine grafische Art und Weise zu sagen: Ich glaube, dass jeder von uns irgendwann einmal die Wahrheit trifft. Hier habe ich die Möglichkeit gehabt, mich selber infrage zu stellen. Vor allem zu beweisen, warum ich ein Richter bin. In meiner persönlichen Entwicklung habe ich mich unglaublich bewegt. Ich bin nicht der Gleiche wie vor drei Jahren. Ich bin ein Mensch, für den die Menschenrechte sehr wichtig sind. Und ich nehme auch die Leiden der Chilenen, die Opfer geworden sind, sehr ernst.

Der Standard: Sie haben vom Hass in der chilenischen Gesellschaft gesprochen. Haben Sie nicht Angst, dass Ihnen etwas passieren könnte?

Guzmán: Ich habe diese Situation angenommen, und es gibt ein chilenisches Sprichwort: Wenn dir etwas passieren sollte, es ist besser, du hast gebeichtet. Ich fühle mich Gott nahe, und das ist eine Art, bereit zu sein für alles, was mit meiner Person passieren könnte. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 17. 5. 2001)

Von Alexandra Föderl-Schmid
Share if you care.