Kuwait: Diskutieren in den "Diwaniyyahs"

16. Mai 2001, 17:20
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Alte basisdemokratische Tradition erfreut sich wachsender Beliebtheit

Dubai - In der Erbmonarchie Kuwait erfreut sich eine alte basisdemokratische Tradition großer Beliebtheit. "Diwaniyyah" heißt die Einrichtung und ist ein informeller Gesprächszirkel, bei dem Bekannte und Fremde miteinander über diverse, auch kritische politische Themen debattieren.

Entstanden sind diese Versammlungen, zu denen sich zwischen zehn und 50 Menschen treffen, aus traditionellen Familientreffen und den abendlichen Zusammenkünften der Fischer zum Informationsaustausch über Wetter und Handel. Heute werden sie in ganz unterschiedlichem Rahmen von einzelnen Bürgern des Emirats ausgerichtet und gelten als einer der entscheidenden Wege zu sozialer Anerkennung.

Bedeutendes Element der Zivilgesellschaft

"Wir haben es hier mit einem sehr bedeutenden Element der Zivilgesellschaft zu tun, das eine ganz eigene Dynamik entwickelt hat und als Gegengewicht zu Königshaus und Regierung von unschätzbarem Wert ist", erläutert Youssouf Abdul Moati vom Kuwaitischen Forschungszentrum.

Die Diwaniyyah fügen sich gut in die für die Region ungewöhnliche politische Struktur Kuwaits. An ihrer Spitze steht zwar unangefochten der Emir, aber es gibt zugleich ein alle vier Jahre gewähltes, 50-köpfiges Parlament, ein Kabinett, in dem etliche Nicht-Blaublütige vertreten sind und eine relativ freie Presse.

Ursprünglich bezog sich die Bezeichnung 'diwaniyyah' auf den Teil des Beduinen-Zelts, in dem die männlichen Mitglieder einer Familie Gäste empfingen und mit ihnen über dieses und jenes plauderten. Noch heute variieren die Themen sehr.

Massive Kritik während des Golfkriegs

So übten die Teilnehmer der Gesprächsrunden in den Jahren 1990/91 während des Golfkriegs massive Kritik an der Regierung. Sie warfen den Verantwortlichen vor, die Gespräche mit dem Irak im Vorfeld der Invasion nicht gut geführt zu haben und Informationen über diese Verhandlungen geheim zu halten.

Derzeit ist eines der zentralen Thema das Vorhaben Kuwaits, die koedukative Hochschulbildung abzuschaffen. Viele Diwaniyyah- Besucher halten nichts von dieser Idee. Zwei getrennte Einrichtungen für männliche und weibliche Studenten schaffen in ihren Augen unnötige Kosten.

Ihr Gegenvorschlag für den Fall, dass die Regierung nicht gänzlich umdenkt, zielt auf einen zeitlich getrennten Lehrplan, nach dem Studentinnen morgens und Studenten nachmittags zur Universität gehen. Der Vorschlag wurde der Regierung bereits unterbreitet.

Interessanterweise sind in den traditionell nur von Männern besuchten Diwaniyyahs mittlerweile auch Frauen nicht nur zugelassen, sondern immer häufiger auch gern gesehene Redner. Sonst dürfen sie in Kuwait noch nicht einmal wählen. Die Königsfamilie al Sabahs hat zwar nichts gegen das von Aktivisten geforderte Wahlrecht für Frauen, wohl aber die starke islamische Lobby in der Nationalversammlung.

Eingeführt wurde die Beteiligung von zunächst nur einigen wenigen prominenten Frauen an den Gesprächszirkeln nach Ende des Golfkriegs. "Man hat sie dazugebeten als Anerkennung für ihre patriotische Haltung während der Invasion", erklärt Basem al Loughani, Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit an der Universität von Kuwait.

Ergänzung zum Kampf für Frauenrechte

Für die Frauenrechtlerin und Vize-Präsidentin der Universität, Mudhi al Hmoud, sind die Diwaniyyahs eine perfekte Ergänzung im Kampf um mehr politische Rechte für Frauen. Noch immer aber werden die meisten Treffen fast ausschließlich von Männern besucht.

Vor allem zu Wahlkampfzeiten haben die Runden Hochkonjunktur, und nicht selten berichtet die lokale Presse über das, was hier im halböffentlichen Raum gesagt wird. "Die Diwaniyyahs bieten Politikern eben die perfekte Gelegenheit, die Wähler direkt anzusprechen", meinen Moati und sein Kollege Yacoub al Hijji vom kuwaitischen Forschungszentrum.

Auch die Regierung weiß die alternativen Foren zu schätzen, vor allem seit das Königshaus 1976 und 1986 das Parlament aufgelöst hat. Laut Hijji haben die Zirkel in diesen Zeiten die Lücke gefüllt, die die Abgeordneten hinterlassen haben. Für viele Kuwaiter ist die Nationalversammlung ohnehin nichts anderes als eine größere Form des Diwaniyyahs. (IPS)

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