Unsere Verwandten, die Mäuse

16. Mai 2001, 20:52
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Forscher sucht Identität und Differenz in den Genen

Wien - "Menschen und Mäuse haben etwa gleich viele Gene, 32.000, und viele davon sind auch so ähnlich, dass man sie austauschen könnte", erklärte Rudi Balling (Deutsches Humangenomprojekt) am Rand der Wiener Humangenkonferenz dem STANDARD, "worin sind wir gleich, was macht uns verschieden? Und wie funktioniert überhaupt Leben?"

Worin wir gleich sind, das erkundete Balling lange bei der Gesellschaft für Umwelt und Gesundheit in München, wo an 50.000 Mäusen die embryonale Entwicklung - und Fehlentwicklung: genetisch verursachte Krankheiten - studiert wird. Dazu spritzt man eine Chemikalie, die die Mutationsrate stark erhöht. Zwar weiß man nicht, welche Gene sich ändern, aber in den Nachkommen zeigen sich Gebrechen, unter denen auch Menschen leiden, von Taubheit bis Osteoporose.

"Wir haben in drei Jahren über 300 neue Mausmutanten gefunden und decken fast das gesamte Spektrum an Krankheiten von Punktmutationen ab", berichtet Balling, "die Mäuse - den Phänotyp - haben wir jetzt. Die Gene noch nicht." Aber der Weg ist nicht allzu weit, seit nach dem Humangenom auch das der Maus fast entschlüsselt ist.

"Das wird die Medizin revolutionieren", erklärt Balling, "aber nicht unbedingt verbessern." Wer wird sich die die neue Medizin leisten können, "global und lokal"? Und wer wird sie verkraften können, die Gentests, die viele Anlagen zu Krankheiten diagnostizieren können, für die es keine Therapie gibt? "Drei enge Verwandte von mir haben Krankheiten von Punktmutationen. Wenn ich wissen könnte, dass ich die Mutationen auch habe, und wenn es gegen das Ausbrechen der Krankheiten eine Prävention gäbe, würde ich Tests machen. Gibt es aber keine Prävention - dann weiß ich nicht. Auf alle Fälle will ich selbst entscheiden und nicht von Regierungen oder Versicherungen gezwungen werden."

Aber nicht nur medizinische und soziale Fragen werden komplexer, auch die scheinbar schlichte Genwelt hat es in sich: "In unseren Genen unterscheiden wir uns in drei Prozent von der Maus", geht Balling in Gegenrichtung, das Problem der Differenz: "Aber es gibt bei ihrer Verschaltung andere Freiheitsgra- de - Gene steuern sich gegenseitig. Und minimalste Veränderungen der Genaktivität im Embryo können zu dramatischen Unterschieden führen."

Diese Komplexität will erst noch erforscht werden, und nicht nur sie. Balling ist zur Gesellschaft für Biotechnologische Forschung nach Braunschweig gewechselt und hat für alle 600 Mitarbeiter ein völlig neues Projekt mitgebracht: "Früher ging es um monogenische Krankheiten durch ein Gen, dann um multigenische durch mehrere, nun um multifaktorielle, bei denen Gene und Umwelt zusammenspielen", wirft Balling einen Blick "zehn Jahre nach vorn: Mich interessiert der Kampf der Genome bei Infektionskrankheiten."

Dringt ein Bakterium in einen Körper ein, treten zwei Genome gegeneinander an. "Warum fallen von tausend Infizierten zehn tot um und andere nicht? Das entscheidet der Kampf der Genome."(DER STANDARD, Print-Ausgabe 17. 5. 2001)

Von Jürgen Langenbach
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