Die ungarischen Roma - Minderheit in schwieriger Lage

16. Mai 2001, 11:30
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Arbeitslosigkeit und mangelnde Ausbildung verschärfen die schwierige Lage

Budapest - Ungarn hat nach Rumänien, Bulgarien und Spanien heute die viergrößte Roma-Bevölkerungsgruppe unter allen europäischen Staaten. Die Zahl der in Ungarn lebenden Roma ist nicht genau bekannt: Bei der letzten Volkszählung 1990 bezeichneten sich 142,683 ungarische Bürger als Roma. Offiziell wird ihre Zahl heute auf 400-600.000 geschätzt. Einige Roma-Organisation und unabhängige NGOs beziffern die Zahl mit 700-800.000.

Roma leben in Ungarn über das ganze Land verteilt. Die größte Konzentration ist im Norden mit etwa 120.000 Roma. Etwa 100.000 Roma leben im Osten des Landes, ungefähr eben so viele in Budapest. In den westlichen Landesteilen ist ihr Anteil wesentlich geringer. Trotz eines starken Zuzugs zu den Städten leben immer noch rund 40 Prozent der ungarischen Roma in ländlichen Gegenden. Die ungarischen Roma sind durchwegs sesshaft.

Tiefe historische Wurzeln

Die ersten geschichtlichen Spuren von Roma im Gebiet des heutigen Ungarn gehen auf die Zeit der Kreuzzüge zurück. Eine größere Einwanderung kann zu Beginn des 15. Jahrhunderts festgestellt werden. Mehrere ungarische Herrscher und Fürsten sicherten den Roma die sichere Passage durch das Territorium zu. Während der türkischen Besatzung (1526-1686) nahmen die Roma am Freiheitskampf der Ungarn teil, wie sie es auch später wiederholt tun sollten.

Im 17. und 18. Jahrhundert ließen sich einzelne Roma-Familien in Ungarn nieder, während die Mehrheit ihrem traditionellen Lebensstil treu blieb. Mit dem Niedergang des ottomanischen Reichs traf eine neue große Gruppe von Roma in Ungarn ein, die gegenüber den bereits Anwesenden deutlich benachteiligt wurden. In der Folge wurde die "Roma-Frage" wiederholt unter den Habsburger Herrschern Maria Theresia und Jospeh II. behandelt, aber nie gelöst. Zahlreiche Versuche, den Roma per Gesetz das Wandern zu verbieten, schlugen fehl.

Zehntausende Roma deportiert

Erst die Industrialisierung brachte einen radikalen Wandel, der den Roma in vielen Fällen ihre Lebensgrundlage entzog, da ihre handwerkliche Tätigkeit im ländlichen Raum oft nicht mehr gefragt war. Während der Besetzung Ungarns durch das nationalsozialistische Deutschland wurden zwischen Juli 1944 und April 1945 zehntausende Roma deportiert und in Konzentrationslagern ermordet. Unter der kommunistischen Herrschaft verschaffte die damals herrschende Vollbeschäftigung auch den Roma Arbeitsplätze, die beim Übergang zum Kapitalismus meist verloren gingen.

Bis heute leiden die Roma unter einer wesentlich schlechteren Ausbildung als die übrige ungarische Bevölkerung. Die meisten Roma-Kinder gehen in Sonderschulen. Nur 46 Prozent haben einen Grundschulabschluss, nur 13 Prozent eine Berufsschulausbildung. Nur 0,24 Prozent der ungarischen Roma erwerben einen Hochschulabschluss. Entsprechend stark sind die Roma von den raschen Veränderungen am ungarischen Arbeitsmarkt betroffen: 72 Prozent der Roma in erwerbsfähigem Alter verloren seit 1990 - zumindest temporär - ihre Arbeit. Die Gesamtarbeitslosigkeit unter Roma liegt mehr als viermal so hoch wie unter der restlichen ungarischen Bevölkerung.

Massive soziale Probleme

Die Roma leiden auch unter wesentlich schlechteren Wohnverhältnissen. Die Kindersterblichkeit ist höher, die Lebenserwartung liegt zehn Jahre unter dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung von 67 Jahren. Seit Mitte der neunziger Jahre wurden mehrere Gesetze verabschiedet, um den Schutz der Roma vor Diskriminierung zu verbessern. Ein durchschlagender Erfolg blieb bisher freilich aus.

Unter dem Druck der EU beschloss die ungarische Regierung ein mittelfristiges Programm zur Verbesserung der Lage der Roma. Im vergangenen Jahr wurden 4,86 Milliarden Forint (18,8 Mill. Euro/259 Mill. S) für Maßnahmen in den Bereichen Bildung, Kultur, Beschäftigung, Wohnen, Gesundheit und Schutz vor Diskriminierung bereit gestellt. Im heurigen Jahr sollen nach Angaben des Minderheitenbüros des Justizministeriums mehr als neuen Milliarden Forint dafür aufgewendet werden. (APA)

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