Chancen durch EU-Osterweiterung

15. Mai 2001, 23:14
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Neue Herausforderungen für die Wiener Stadtplanung

Wien - "Der Wegweiser Graz/ Budapest/Gänserndorf muss der Vergangenheit angehören", forderte der neue Wiener Planungsstadtrat Rudolf Schicker bei der Diskussionsveranstaltung "Wohin baut Wien" im Haus der Musik am Montagabend.

Mit der EU-Osterweiterung steht die Stadtplanung vor vollkommen neuen Anforderungen. "Die Anrainerstaaten Österreichs werden bald eine andere Konkurrenz sein, als sie es bisher waren", sagte Schicker. Nun gelte es Wien als Kompetenzstandort zu profilieren. "Es ist ein Paradoxon, dass trotz im internationalen Vergleich niedriger Mieten, hoher Sicherheit und Wien als Kulturstadt eine geringe Nachfrage internationaler Firmen herrscht", argumentierte Wolf Werdigier, Leiter des Büros für Urbanistik in Wien. Im Netzwerk mit Prag und Budapest würden sich für Wien aber ausgezeichnete Chancen eröffnen. Prämisse dafür sei allerdings, die notwendigen Infrastrukturprojekte nicht zu verschlafen, betonte Schicker.


Fehlende Infrastruktur

Gleichzeitig gestand der neue Planungsstadtrat Rückstände bei der Entwicklung der Infrastruktur ein. Als Beispiele dafür gelten die Wiener Südostumfahrung B301 oder der Lainzer Tunnel. Die Stadt Wien hätte aber alles Nötige zur Realisierung getan, so Schicker, der damit den Ball an den Bund weiterspielte.

Große Sorge herrschte im Publikum um die geplante Höhe der Bauwerke im Stadtzentrum. Noch in diesem Jahr will der Planungsstadtrat dem Wiener Landtag ein Hochhauskonzept vorgelegen und spricht sich gleichzeitig für Sonderregelungen aus. "An Verkehrsknotenpunkten wie bei dem Projekt Wien-Mitte sollte eine Höhenentwicklung durchaus zugelassen werden", sagte Schicker.

"Stadtentwicklung darf aber nicht nur in den Randgebieten stattfinden. Wir müssen bewusst etwas ins Zentrum setzen und auch den Kern erneuern", forderte Rudolf Kraft, Vorstand der Zürich-Kosmos Versicherung. Vor allem innerhalb des Gürtels könnten genug Investoren gefunden werden, meint Kraft.

Seitens der Politik dürften aber möglichst wenig Eingriffe stattfinden. Von Architekten und Vertretern der Industrie wurde kritisiert, dass die Genehmigungsverfahren zu lange dauern würden und der Planungsprozess zu statisch sei. Dem begegnete Schicker mit dem Argument, dass die Mitspracherechte der Anrainer und Bewohner unbedingt berücksichtigt werden müssten. Neue Technologien wie das Internet könnten genutzt werden, um die Bürger besser und schneller zu informieren.


Bauordnung

Der Architekt Rüdiger Leiner bemerkte, dass der Bebauungsplan im Augenblick nicht in der Lage sei, auf die rasanten Entwicklungen zu reagieren. Anreize in Form eines Bo- nussystems müssten geschaffen werden, um die Bauträger zu motivieren, ausschließlich auf Qualität zu setzen.

Die Säumigkeit der Politik sieht Georgine Heindl, Geschäftsführerin der "Habau", nicht nur in den fehlenden Infrastrukturprojekten, sondern auch in der fehlenden Entwicklung vieler brachliegender Gebiete in Wien, wie der Aspanggründe oder der Bahnhofsbereiche. Außerdem verursache die fehlende Vereinheitlichung der Bauordnung hohe Mehrkosten.
(DER STANDARD,Printausgabe,16.5.2001)

Die EU-Osterweiterung bietet große Chancen für die Wiener Stadt-entwicklung. Die not-wendigen Infra-strukturprojekte müssen aber forciert werden, so der Tenor einer Veranstaltung von Standard und Radio Wien.

von Ernst Eichinger
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