Schlafen, parken, trinken, zündeln: Im Wiener Landesgericht häufen sich die Sommerprozesse

15. Mai 2001, 21:11
posten

Im Wiener Landesgericht häufen sich die Sommerprozesse. Das sind zeitlich knapp bemessene Verhandlungen, in denen kein Wort zu viel (und kein Urteil zu langsam) gesprochen wird. Hier zwei dieser Fälle.

Bei Richterin Ortner stellt sich ein 31-jähriger Wiener Kanalarbeiter vor, der eigentlich nichts Böses getan hat. Er musste oft in der Nacht zur Schicht in den Schacht und war in der Früh dann einfach müde. Blöderweise hatte er nach einem Wohnungswechsel noch keinen Anspruch auf ein Parkpickerl. Eine Zeit lang führte er deshalb sein Auto allmorgendlich in einen benachbarten parkgebührfreien Bezirk. Das wurde ihm bald zu mühsam. Weil er ein heller Kopf war, fertigte er sich per Computer seinen individuellen "Parkbefreiungsschein" an, der da lautete: "Kraftwagen im Dienst des Magistrats."

Dieser an sich gute Gag kostete ihn 27.000 Schilling Verwaltungsstrafe und brachte ihm ein Disziplinarverfahren ein. Die Richterin hätte mit "Urkundenfälschung" noch eins darauflegen können. Aber sie hat ein gutes Herz, spart ihm die Vorstrafe und verlangt im Sinne der Diversion per Erlagschein 30.000 Schilling Buße. Damit kann er leben.

Der Fall eines 39-jährigen Zeitungszustellers, den Richter Kirschner vor sich hat, ist heikler. Der Mann weist schon 17 Vorstrafen auf, und es ist kein Ende abzusehen. Denn sein Hang ist tief und schwer abzutragen: Er säuft und zündelt. Als frustrierter Kellner hatte er in Osttirol Tischtücher in Brand gesetzt. In Wien-Währing waren es bei einem Zechspaziergang sechs Mülltonnen in Häuserfluren. Eine schwangere Frau hätte sich wegen der starken Rauchentwicklung beinahe aus dem zweiten Stock gestürzt. Ein Haus wurde schwer beschädigt.

Peter sagt, er habe 16 Bier getrunken und danach notgedrungen in einige Stiegenhäuser gepinkelt. Sonst nichts. Als Feuerwehr und Polizei kamen, war er aber schon wieder fit genug, taktische Ratschläge zu erteilen. Außerdem hatte er als Zusteller die Schlüssel der Häuser bei sich. - Das Schöffengericht verurteilte ihn zu drei Jahren Haft.(DER STANDARD, Print-Ausgabe 16. 5. 2001)

Von Daniel Glattauer

Share if you care.