Börsenchampions - Von Esther Mitterstieler

15. Mai 2001, 18:40
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Die Wiener Börse braucht unbedingt frischen Wind. Das hat auch Finanzminister Karl-Heinz Grasser erkannt. Deshalb soll nun ein Börsenchampion her, der in der Wiener Strauchgasse das unscheinbare Pflänzchen Börse zum Erblühen bringt. Institutionalisieren und personalisieren will Grasser damit den Kapitalmarkt. Dieser Vorschlag taucht aus dem Dunkel auf wie ein Deus ex Machina, der alles richtet, was darniederliegt. Und dieser Gott, der Kraft seiner Erfahrung den österreichischen Kapitalmarkt in- und auswendig kennt, muss glaubwürdig und kein Politiker sein.

Damit will der Finanzminister Licht ins Dunkel des österreichischen Kapitalmarktes bringen. Da gäbe es auch noch andere Hebel, die er in Bewegung setzen könnte. Vielleicht ein Hinweis an den Chef der Privatisierungsholding ÖIAG, Johannes Ditz. Dieser hat als Minderheitsaktionär in einem Handstreich den Aufsichtsrat der AUA per Brief zum Rücktritt gezwungen. Was üblicherweise eine Hauptversammlung bestimmt, hat die staatliche Arroganz für sich in Anspruch genommen. Wo blieben da die Kleinaktionäre? Das war kein Zeichen besonderer Kapitalmarktreife. Wohl mehr ein gelungener Versuch, die Kleinen von der Börse zu verscheuchen. Und jetzt sollen gerade sie geködert werden, um frisches Geld an die Börse fließen zu lassen. Da nutzt auch ein unabhängiger Champion wenig, er bleibt blanke Zier.

Und auch die nun wieder entdeckten Börsen im Osten werden sich wohl nicht so einfach als Dienstboten Wiener Interessen hergeben - nach den jahrelangen Versuchen Wiens, den Börsen im Osten Unternehmen abzuwerben. Da nützt es nichts, wenn noch so viele Ideen wie Champignons aus dem Boden schießen, da hilft kein Gott. (DER STANDARD, Printausgabe 16.5.2001)

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