"My name it is nothin', my age it means less"

25. Mai 2001, 22:57
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Bob und ich, eine langjährige Affäre. Sein 60er tut da nichts zur Sache

Ich liebe einen 60-jährigen Mann. Er ist klein, sein Antlitz dominiert eine scharf geschnittene Riesennase, sein Haar ist so wirr wie manchmal sein Blick. Sein Name ist Robert Zimmerman. Er spielt Gitarre und Mundharmonika und singt dazu. Seltener klimpert er auf dem Klavier.

Tatsächlich: Bob Dylan begeht am 24. Mai diesen runden Geburtstag. Es wird viele gedruckte Huldigungen geben, eine quasi wissenschaftliche Disziplin, die Dylanologie, hat sein Leben und Werk in allen möglichen Hinsichten ausgeleuchtet. Was soll man über ihn noch schreiben?

Vielleicht, dass er schön ist. Das glauben Sie nicht? Sehen Sie sich doch das ausgemergelte Gesicht auf dem Coverfoto von The Times They Are A-Changin' an, oder den Nashville Skyline-Country-Boy, oder den entrückten Propheten der Ihnen von World Gone Wrong entgegenstarrt. Am coolsten finde ich aber nach wie vor den Hippie-Typen auf Desire: Wie sich heute zeigt, haben dieses Photo, beziehungsweise diese Platte aus dem Jahr 1976, meine Beziehung zu Dylan entscheidend beeinflusst.

Entflammt

Ich kann nicht sagen wie und warum sie begann, sie ist da seit ich denken kann. Frühkindliche Prägung muss eine Rolle gespielt haben. Meine Eltern besaßen Bob Dylan's Greatest Hits, Vol. 2, Sie wissen schon, dieses blaue Doppelalbum zum aufklappen. Ja, und da ist es passiert: My Back Pages, I Shall Be Released oder A Hard Rain's A-Gonna Fall wurden früheste Lieblingslieder. Als wir in den Musikunterricht der Volksschule einmal eigene Platten mitbringen durften, war die Entscheidung selbstverständlich. Mitte der 70er Jahre folgte dann das Powerplay einer Desire-Musikkassette im Autoradio während praktisch jeder Familienausfahrt. (Die Auswahl war mit zwei, drei Bändern nicht übermäßig groß.) Oh, dieser großartige Einstieg bei One More Cup of Coffee! Diese Stimme konnte nicht von dieser Welt sein.

Es soll ja Menschen geben, die behaupten Dylan könne weder singen, nicht besonders gut Gitarre spielen und seine Songs seien simpel gestrickt. Welch Irrsinn! Natürlich schafft es ein brav übender Jungscharführer, Blowing In The Wind irgendwie nachzuschrammeln und seine Schutzbefohlenen können dann auch mitsingen.
I-R-G-E-N-D-W-I-E, wohlgemerkt! Denn niemand klingt wie Dylan, oder wie schon in der Kritik seines ersten Auftritts in Gerdes Folk City (1962) angemerkt wurde: "Only Dylan sings Dylan like Dylan." Nur er kann den Songs dieses ETWAS verleihen, das ihre Größe ausmacht und an dem jeder Versuch der Beschreibung oder Definition zerschellen muss. Wer bitte, könnte denn Texte wie jenen von Knockin On Heavens Door noch glaubwürdig interpretieren. (Denken Sie bloß an das unsägliche Guns 'n' Roses Cover!) Und natürlich macht Dylans Intonation und Phrasierung, die sich manchmal zu einer Privat- oder Geheimsprache auswächst, einen Gutteil seiner Faszination aus. Sie erhöht ohnehin schon undurchschaubare Lyrics zu jenen dunklen Mythen, deren Kraft man sich kaum entziehen kann.

Senor, senor, I can see that painted wagon, I can smell the tail of the dragon. Can't stand the suspense anymore. Can you tell me who to contact here, senor?

Well, the last thing I remember before I stripped and kneeled Was that trainload of fools bogged down in a magnetic field. A gypsy with a broken flag and a flashing ring said, "Son, this ain't a dream no more, it's the real thing."

Senor, senor, you know their hearts is as hard as leather. Well, give me a minute, let me get it together. I just gotta pick myself up off the floor. I'm ready when you are, senor.

In der Tat sind Dylan-Songs zumeist auf ein Skelett von klassischen Blues oder Folk-Akkordfolgen reduzierbar und mehr wollten sie auch nie sein. Komplexität ist in diesem Genre schlicht und einfach kein Kriterium.

Krise

In den 80ern ist dann unsere Beziehung etwas abgekült. New Wave und später dann lärmiger Indie-Rock, ließen Bob wenig Platz und es war schwierig sich im Freundeskreis zu "leiser" und ganz und gar nicht hipper Musik zu bekennen. Der Mann selbst machte es einem auch wirklich nicht leicht: er schien es nun darauf anzulegen jedwede Erwartung zu enttäuschen, veröffentlichte mit Vorliebe unkonzentrierte, schlampig produzierte Alben, kollaborierte mit irgendwelchen (Alt)stars und trat bei dubiosen Anlässen auf. (Geburtstagsständchen für Elizabeth Taylor mit Michael Jackson!!)

Wiedergefunden

Doch irgendwann wollte ich dann trotzdem ein Vinyl-Exemplar von Desire, eigentlich mehr wegen des Covers, als der Musik. Die habe ich dann aber natürlich auch wiedergehört und war das Fanal zum Heben unentdeckter Schätze aus Dylans Reich. Denn natürlich war ich Purist und begann, zwar mit einer Verzögerung von Jahrzehnten, aber ebensolchen Schwierigkeiten wie die Zeitgenossen, die Hakenschläge Dylans nachzuvollziehen: die Elektrifizierung, die Country-Phase, den Gospel. Und es hat sich gelohnt wie nur wenige Dinge in meinem Leben.

Vor nicht allzu langer Zeit begab es sich, dass ich Dylan erstmals in Fleisch und Blut sah. Es gibt sicher geeignetere Plätze für ein Rendezvous als die Wiener Stadthalle, trotzdem musste ich mir angesichts der zwergenhaften Figur auf der Bühne eine Träne der Rührung aus dem Augenwinkel wischen. Er schien in guter Form und ebensolcher Laune und wie so häufig dauerte es ob Dylans Unlust an bloßer Repetition eine Weile, bis man erkannte welchem Song man gerade lauschte. Charmant, wie ungelenk er sich auf der Bühne bewegte: Hey Bob, du kannst ja überhaupt nicht tanzen!

Ich hoffe, dass es geht Dylan gut geht, dass er seine Krankheit überwunden hat, die ihm bei den Aufnahmen seines großen, vorläufig letzten Albums Time Out Of Mind (1997) zusetzte und dessen düsteren, desillusionierten Grundton wohl auch miterklärt:

I was born here and I'll die here against my will/ I know it looks like I'm moving, but I'm standing still/ Every nerve in my body is so vacant and numb/ I can't even remember what it was I came here to get away from/ Don't even hear a murmur of a prayer/ It's not dark yet, but it's getting there

Und ich hoffe, dass er weitermacht. Entweder Platten, oder mit seiner NET (Never Ending Tour): die läuft mittlerweile seit gut einem Jahrzehnt und Dylan schafft dabei bis zu 180 Konzerte im Jahr. Man weiß dabei nie im Vorhinein was passieren wird, es kommt wie gesagt auf des Meisters Stimmung an. Und ob er bei seinem Bestreben, seine Songs immer wieder wie zum ersten Mal zu spielen, den richtigen Ton trifft. Routine hat er sich nie gegönnt.

1997 erhielt Dylan mit dem Dorothy and Lilian Gish Prize eine seinem Werk aufs Wunderbarste entsprechende Auszeichnung. Sie wurde von der großen Schauspielerin gestiftet um "einen Menschen, der auf herausragende Weise zur Schönheit der Welt beigetragen hat", zu ehren. Was kann ein Künstler mehr erstreben?

Von
Michael Robausch

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