Mekka für Botaniker

15. Mai 2001, 16:15
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"Ein Garten Eden" - paradiesische Schau der Nationalbibliothek

Wien - "Ein Garten Eden. Botanische Meisterwerke der Österreichischen Nationalbibliothek" ist der Titel der vom 16. Mai bis 31. Oktober im Prunksaal der Nationalbibliothek gebotenen Sonderausstellung. Eine Ausstellung die einmal mehr ins Bewusstsein rückt, was an ungehobenen Schätzen in der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) schlummert.

"Wiener Dioskurides"

Bücher der Menschheitsgeschichte, Weltkulturgüter, Bände, die zu den wertvollsten und berühmtesten des Landes zählen vereint diese Ausstellung, die schon mit einem Paukenschlag beginnt. Mit dem "Wiener Dioskurides", der vor 512 entstandenen bedeutendsten byzantinischen Handschrift weltlichen Inhalts, die die älteste komplett erhaltene und illustrierte Version des Dioskurides darstellt . Ein Werk das eineinhalb Jahrtausende lang die "Bibel" der Apothekerkunst darstellte und das heute zum Weltkulturerbe zählt.

"Die Bodenpilze im zentralalpinen Rohhumus"

Mit einem Paukenschlag endet auch die Ausstellung. Mit einer unscheinbaren, hektografierten Dissertation nämlich, die Walter Gams 1959 an der Universität Innsbruck eingereicht hat. Niemand konnte damals ahnen, dass Gams mit seiner Untersuchung "Die Bodenpilze im zentralalpinen Rohhumus" der Transplantationsmedizin zum Siegeszug verhelfen sollte. Hier beschrieb der damals 25jährige Wissenschafter zum ersten mal einen Mikropilz-Tolypacalium inflatum Gams - aus dem ein Molekül isoliert werden konnte, welches das Immunsystem beeinflusst und die Organabstoßung bei Transplantationen verhindern kann.

Dazwischen findet sich der "Codex Fuchs" (1540 - 1566), die bedeutendste Handschrift der Renaissance botanischen Inhalts (in der sich die erste Beschreibung des Mais findet). Auch dies ein Weltdokument (ein neunbändiges Werk mit 1.529 Tafeln mit naturgetreuen Pflanzendarstellungen), das als "Vienna Codex" bekannt ist. Der Hortus Eystettensis (1613) gilt als das wichtigste botanische Druckwerk der Barockzeit. Natürlich fehlt auch Carl von Linnes epochemachendes Werk "Systema naturae" (1735) nicht.

Eine Kopie auf Pergament nach dem Florilegium der Könige von Frankreich ist das Florilegium des Prinzen Eugen (um 1680). Zu den Highlights der Wiener Sammlungen zählen auch die Werke des Nikolaus Joseph Jacquin, des "österreichischen Linne" sozusagen. Die "Flora Graeca" (1806 - 1840) gilt als prächtigstes, seltenstes und teuerstes Florenwerk aller Zeiten, 34 Jahre dauerte der Druck in einer Auflage von 30 Exemplaren.

Überblick über die Geschichte

Die prachtvollen illustrierten Bücher waren immer schon Kostbarkeiten, die sich nur die Reichsten leisten konnten. Die Ausstellung will aber nicht die Meilensteine der botanischen Forschung oder die kostbarsten Bücher aneinander reihen, sondern einen Überblick über die Geschichte der botanischen Illustration geben. Und so nebenher erzählt sie etwas über die Geschichte der Botanik, der Entdeckungen und Expeditionen, der Gartenkunst und Blumenmoden.

Kurator der Schau, der die Schätze ans Licht holte und der auch das prachtvolle Begleitbuch herausgegeben hat, ist H. Walter Lack, Direktor am Botanischen Garten und Botanischen Museum Berlin-Dahlem und Professor an der Freien Universität Berlin. Da aus konservatorischen Gründen die prachtvollen Blumen- und Pflanzenbilder nicht allzu lange dem Licht ausgesetzt werden dürfen, werden die Bände monatlich "geblättert", sodass die Ausstellung in regelmäßigen Abständen sich zu 85 Prozent erneuern wird.

"Wir wussten selbst nicht, dass wir ein internationales Mekka für Botaniker sind", meinte der scheidende Generaldirektor Hans Marte zu den Ergebnissen der Ausstellung und Entdeckungen an unerforschten Beständen, die im Zuge der Vorbereitungen gemacht wurden. Die Schau ist aber nicht nur Andachtsort für jeden Botaniker, sondern Pflichttermin für alle Garten- und Blumenfreunde und Freudenquell für jeden Büchernarr. (APA)

"Ein Garten Eden. Botanische Meisterwerke der Österreichischen Nationalbibliothek", Sonderausstellung im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek, 1., Josefsplatz 1. Vom 165. Mai bis 31. OKtober Montag, Mittwoche, Freitag, Samstag 10 - 16 Uhr, Donnerstag 10 - 19 Uhr, Sonn- und Feiertag 10 - 14 Uhr geöffnet.
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